Thema des Tages

Résistance im Web: «Holland liegt vor Ungarn»

Von Hanna Gieffers und Ralf E. Krüger, dpa

Vor Schließung der letzten Wahlbüros durften französische Medien Hochrechnungen nicht veröffentlichen, so dass ausländische Websites und Twitter als Informationsquellen genutzt wurden. Foto: Peter Klaunzer

Paris (dpa) - Gallischer Witz und Einfallsreichtum kennen keine Grenzen - auch im französischen Wahlkampf nicht. Im Kampf gegen ein umstrittenes Gesetz haben die Franzosen alte Kommunikationsformen aus dem Untergrundkampf des Zweiten Weltkriegs neu belebt.

Verschlüsselte Geheimbotschaften wie einst zu Résistance-Zeiten machten am Sonntag im Kurznachrichtendienst Twitter die Runde. Der Grund: Vor Schließung der letzten Wahlbüros um 20.00 Uhr durften die Medien Hochrechnungen des ersten Wahlganges nicht veröffentlichen.

In Anspielung auf damalige codierte Geheimbotschaften der britischen BBC hieß es unter #radiolondres mit Blick auf erste Wahl-Prognosen und den Namen des Top-Favoriten François Hollande: «Holland liegt vor Ungarn». Präzisere Angaben zum prozentualen Abstand zu seinem Top-Rivalen Nicolas Sarkozy, der als Sohn eines ungarischen Einwanderers geboren wurde, gab es durch den Satz: «In Kanada ist der holländische Ahornsirup mit 33 Dollar deutlich teurer als der ungarische, der nur 26 Dollar wert ist.»

Ein anderer Twitter-Satz spiegelte die Ergebnisse der Abstimmung unter den in Amerika lebenden Franzosen wider: «Der fliegende Holländer hat in Nordamerika angelegt.» Weniger elegant dagegen kam ein Hinweis auf Hollande daher, der sich auf seinen Spitznamen - einen bekannten französischen Pudding - bezog: «Es gibt Pudding zum Nachtisch».

Besonders findig war ein Twitterer, der mit Blick auf Namen, Herkunft oder zugeschriebene Werte-Orientierung der Kandidaten einen politischen Wetterbericht abgab: «Amsterdam 28°, Budapest 25°, Nürnberg 16°, Moskau 14°, Pau 10°, Oslo 2°». Die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen hatte sich nach im Ausland verlauteten inoffiziellen ersten Prognosen als drittstärkste Kraft etabliert, der den Kommunisten nahestehende Links-Kandidat Jean-Luc Mélenchon folgte dahinter, vor dem Zentrums-Politiker François Bayrou von der MoDem -Partei und der in Norwegen geborenen grünen Kandidatin Eva Joly.

Mit Blick auf den in den Umfragen abgerutschten Bayrou hieß es: «Das Modem hat eine Panne» Le Pens Vornamen und Mélenchons politische Orientierung dienten einem anderen Twitterer als Steilvorlage: «Die Marine ist im Kielwasser der Potemkin gesunken.»

Im Bild blieb ein anderer Franzose, der den Vorwurf eines energischen Hollande-Kritikers aufgriff. Der hatte den Sozialisten mit seinem politischen Gewicht eher als Kapitän eines Tretboots denn eines schweren Tankers mit Namen Frankreich gesehen. Entsprechend lautete die codierte Nachricht: «Das Tretboot hat die Jacht überholt, ich wiederhole...». Der Hinweis auf die Jacht bezog sich auf Sarkozy, der sich nach seiner Wahl 2007 in einem umstrittenen Kurzurlaub auf der Jacht eines befreundeten Großunternehmers erholt hatte.

Aus den französischen Überseegebieten, wo zuerst gewählt wurde, kam mit Hinweis auf die Luxusuhr des Amtsinhabers die Nachricht: «Der Pudding ist weitaus teurer als die Rolex». Mit Blick auf die hohe Zahl der Twitter-Botschaften rund um die inoffiziellen Ergebnisse sowie die für deren vorzeitige Veröffentlichung in Frankreich drohende Geldstrafe stellte ein mathematisch versierter Franzose folgende Rechnung auf: «1800 tweets/Stunde mal 75 000 Euros: Der Staat verdient damit 135 Millionen/Stunde, das wäre 1 Milliarde für einen Acht-Stunden-Tag.»

Die Botschaften ahmten verschlüsselte Radio-Sprüche nach, mit denen der spätere französische Präsident Charles de Gaulle im Zweiten Weltkrieg von London aus die Widerstandsbewegung gegen die Nazis gelenkt hatte.

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