Brennpunkte

Breivik inszeniert sich vor Gericht: «Nicht schuldig»

Von Theresa Münch, dpa

Anders Breivik ist den Tränen nahe, als er ein Video der Anklage vorgeführt bekommt. Foto: Heiko Junge

Oslo (dpa) - Mit grausamen Details und schmerzhaften Provokationen hat in Oslo der Prozess gegen den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik begonnen. Der rechtsradikale Islamhasser plädierte auf «nicht schuldig» und sagte, er habe in Notwehr gehandelt.

Der 33-Jährige, der in schwarzem Anzug mit hellbrauner Seidenkrawatte erschien, muss sich für den Tod von 77 Menschen verantworten. Die Verlesung der Anklageschrift und der Opferliste verfolgte Breivik ohne emotionale Regung. Für die Angehörigen seiner Opfer wurden die Schrecken des vergangenen Sommer noch einmal lebendig.

«Ich gebe die Taten zu, bekenne mich aber nicht strafschuldig», sagte der 33-Jährige, der nach Betreten des Gerichtssaales mit geballter Faust einen rechtsradikalen Gruß zeigte. So oft wie möglich ergriff Breivik das Wort: Das Gericht erkenne er nicht an, weil es von Parteien eingesetzt sei, die den Multikulturalismus unterstützten, sagte er gleich zu Beginn. Außerdem sei die Richterin nicht unabhängig.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Norweger vor, im Juli 2011 im Osloer Regierungsviertel mit einer Autobombe acht Menschen getötet zu haben. Anschließend habe er auf der Insel Utøya gezielt 69 Teilnehmer eines Feriencamps für junge Sozialdemokraten umgebracht. Breivik ist wegen Terrorismus' und vorsätzlichen Mordes angeklagt.

Der Prozess, der als der größte der norwegischen Geschichte eingeordnet wird, wurde für die Angehörigen live in 17 Gerichtssäle in ganz Norwegen übertragen. Fernsehsender wie NRK, BBC und CNN zeigten ihn weltweit. Mehr als 800 Medienvertreter von mehr als 220 Redaktionen sind akkreditiert.

Im Mittelpunkt des Prozesses steht vor allem auch die Frage nach der Schuldfähigkeit des Angeklagten. Für seine Terrorakte könnte Breivik 21 Jahre lang ins Gefängnis kommen - oder, falls ihn das Gericht für geisteskrank erklärt, in die geschlossene Psychiatrie.

Staatsanwältin Inga Bejer Engh verlas zu Beginn eindrücklich und fast monoton die Namen der 77 Todesopfer. Aufgelistet wurden auch 42 der mehreren hundert Verletzten der beiden Anschläge. Sie nannte das Alter und führte detailliert die Verletzungen auf, die jedes einzelne der Opfer erlitten hatte. Auf der Insel Utøya tötete Breivik ihren Ausführungen zufolge 67 Menschen durch Schüsse, ein Opfer erlag auf der Flucht vor dem Mörder seinen Schussverletzungen, ein weiteres Opfer ertrank.

Schockierend und emotionsgeladen wurde es vor allem, als die Staatsanwälte eine Tonaufnahme vorspielten, auf der ein Mädchen auf Utøya die Polizei um Hilfe ruft. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Während des Telefonats starben nach Angaben der Anwälte wahrscheinlich 14 Menschen.

An dieser Stelle kamen vielen Angehörigen der Opfer, die den Prozessauftakt größtenteils gefasst verfolgten, die Tränen. Ein junges Mädchen brach in einer Prozesspause zusammen und musste behandelt werden. Vor allem in den kommenden fünf Tagen, wenn Breivik selbst seine Motive erklären darf, erwarten die Angehörigen schockierende Aussagen.

Staatsanwalt Svein Holden berichtete über Breiviks Vorbereitungen für die Attentate und rekonstruierte minutengenau die Bombenexplosion in Oslo wie auch das Massaker auf Utøya. Dabei ging er auch auf das rund 1500 Seiten starke Manifest des Rechtsradikalen ein, in dem dieser vor einer Islamisierung Europas warnt. Als Holden einen von Breivik selbstproduzierten Videofilm vorführte, begann der Attentäter zu weinen.

Breiviks Weltbild sei schwer zu verstehen, betonte sein Verteidiger Geir Lippestad. Daher sei es umso wichtiger, dass der 33-Jährige seine Taten selbst erklären dürfe. «Er hat ein fundamentales Recht auszusagen», sagte Lippestad. Breiviks eigene Worte seien das wichtigste Beweismittel auch in der Frage, ob der Attentäter zurechnungsfähig oder geisteskrank sei.

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