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Passionsspiel auf dem Grünen Hügel

Von Paul Winterer, dpa

Bayreuth (dpa) - In Oberammergau wird gerade wieder Passion gespielt. Der Vergleich drängt sich daher auf: Im Alpendorf der Herrgottschnitzer zeigen die Einheimischen vor internationalem Publikum das christliche «Original» vom Leiden, Sterben und Auferstehen.

Auf den «Grünen Hügel» von Bayreuth pilgern Besucher aus aller Welt zum «Parsifal», dem Spiel von der Erlösung des Menschen. Für viele Anhänger der Musik Richard Wagners ist das kein bloßer Opernbesuch. Es ist ein heiliger Akt, fast wie in Oberammergau.

Hier wie dort wird auf der Bühne Abendmahl gefeiert, wird gestorben, es werden die Füße des Erlösers gewaschen und mit den Haaren einer Sünderin getrocknet. Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden, inwieweit Wagner sich mit seinem «Parsifal» eine Ersatzreligion in Noten schuf.

Die meisten Premierenbesucher der 99. Bayreuther Festspiele hielten sich mit dieser Frage am Donnerstagabend aber nicht lange auf. Sie wollten einfach nur ihr Bühnenweihfestspiel «Parsifal» sehen - jenes Werk in drei Aufzügen, das Wagner die ersten 30 Jahre nur auf dem «Grünen Hügel» und sonst nirgends spielen ließ.

Zu erleben gab es das nicht restlos geglückte Bayreuth-Debüt von Susan Maclean. Die Mezzosopranistin überzeugte in der überaus schwierigen Partie der Kundry - von der ewigen Verführerin zur getauften Gläubigen wandelnd ist es fast eine Doppelrolle - nur darstellerisch. Stimmlich hingegen blieb sie hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. Zwar klingt ihr Mezzo in der Mittellage weich und geschmeidig, doch bricht er in der Höhe aus und wird hörbar schrill. Beifallsstürme blieben daher am Ende aus.

Gefeiert wurde hingegen der Bayreuth-Routinier Kwangchul Youn für seine stimmlich überragende Darstellung des Gurnemanz. Christopher Ventris war ein kraftvoller Parsifal, wenngleich seinem Tenor an diesem Abend die ganz große Strahlkraft fehlte. Detlef Roth gab einen stimmlich wie darstellerisch stark leidenden Amfortas, Thomas Jesatko überzeugte als Klingsor, Diógenes Randes als Titurel.

Der italienische Dirigent Daniele Gatti bemühte sich mit dem Festspielorchester um den großen musikalischen Bogen in dem fast fünfstündigen Werk. Seine getragenen Tempi und vielen Zäsuren lähmten jedoch mitunter den Duktus in Wagners Partitur. Verlass war wie immer auf den Festspielchor (Einstudierung: Eberhard Friedrich).

Endgültig angenommen hat das Publikum die stark politisierende Inszenierung des Norwegers Stefan Herheim. Er mutet den Zuschauern viel zu. Verwundete Soldaten des Ersten Weltkrieges, Hakenkreuzfahnen und SS-Schergen, Trümmerfrauen, dazu Einblendungen von Gefechten - all das müssen die Zuschauer ertragen, ehe die aufwühlende Zeitreise in der friedlichen deutschen Nachkriegsdemokratie endet.

Genial erdacht und bühnentechnisch umgesetzt ist Herheims Versuch, dem Festspielbesucher selbst den Spiegel vorzuhalten. Tatsächlich holt der Regisseur mittels eines riesigen Spiegels den Zuschauerraum im 3. Akt auf die Bühne, sogar ein kurzer Blick in den ansonsten fürs Publikum unsichtbaren Orchestergraben wird freigegeben.

Am Ende - Parsifal hat den unsterblichen Amfortas durch die Berührung von dessen offener Wunde mit seinem Schwert endlich erlöst - spiegelt sich die Weltkugel als Symbol der Vereinen Nationen auf der Bühne. Und die Gralstaube, so scheint es, ist zur Friedenstaube geworden. Für seine politische Deutung des Erlösungsdramas erhielt Herheim viel Beifall und nur wenige Buhrufe - Begeisterung will beim Publikum aber auch im Jahr drei seiner Inszenierung nicht aufkommen.

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