Computer und Co.

IFA 2010: Die Unterhaltungselektronik brummt wieder

Miss IFA lädt auf dem Gelände der Messe Berlin zur 50. Internationalen Funkausstellung 2010.

Berlin (dpa) - Die Funkausstellung wird spannend: Unter dem Berliner Funkturm versammeln sich so viele Aussteller wie noch nie, und pünktlich zur IFA ist der Kampf um die Zukunft des Fernsehens voll entbrannt.

Von Freitag an können sich die Besucher Neuheiten wie 3D-TV und Hybrid-Angebote aus Fernsehen und Online-Video ansehen. Zeichen für den Boom der Heim-Elektronik ist die Rekordzahl von 1423 Ausstellern. Das sind 22 Prozent mehr als vor einem Jahr, zuvor hatten die Veranstalter nur ein Zehntel mehr erwartet. Die Ausstellungsfläche ist um elf Prozent gewachsen. Bis Mittwoch nächster Woche werden 230 000 Besucher erwartet.

Erfasst wird die IFA auch von dem Kampf um die Neuordnung der Fernsehbranche. Das Internet stürmt die letzte Bastion der Medienindustrie, die es noch nicht umgekrempelt hat: Den klassischen Fernsehempfang. Die Vision ist, dass der Zuschauer nahtlos zwischen TV-Sendungen und Online-Video wechseln kann.

Für die Verbraucher bedeutet das mehr Auswahl im TV - und die meisten werden sich wieder einmal neue Geräte besorgen müssen. Über die Verschmelzung von Fernsehen und Internet-Video wird seit Jahren gesprochen, doch jetzt kommt auf einmal richtig Schwung in die Entwicklung. Die Anbieter überschlagen sich mit Angeboten, jeder will sich sein Stück Neuland sichern.

Der Branchenriese Sony nutzte die IFA, um mit einem neuen Musik- und Videodienst den Branchenführer Apple anzugreifen. Sony-Chef Howard Stringer kam persönlich nach Berlin, um den Dienst mit dem Namen Qriocity vorzustellen. Die Nutzer sollen unbegrenzten Zugang zu Musik und Videos bekommen. Andres als bei Apples iTunes werden die Inhalte nicht auf die Geräte heruntergeladen, sondern direkt aus dem Netz abgespielt («Streaming»).

Der Zeitpunkt war mit Bedacht gewählt: Nur wenige Stunden später stellte Apple-Chef Steve Jobs in Kalifornien Neuheiten vor. Apple macht ebenfalls Druck im Videogeschäft mit einer deutlich verbilligten Version der Wohnzimmer-Box Apple TV und dem Online-Verleih von Serien-Folgen für nur noch je 99 US-Cent. Auch die Spitzenposition bei mobiler Unterhaltung will Apple verteidigen und geht mit einer runderneuerten iPod-Palette ins Weihnachtsgeschäft.

In Deutschland verbinden das ZDF und die Senderkette ProSiebenSat.1 auf Basis des neuen Standards HbbTV ihre Programme mit Online-Videotheken. RTL bietet einen neuen «Digitaltext» unter anderem mit Videoclips aus dem Netz an. HbbTV ist ein europäischer Hybrid-TV-Standard, mit dem Sender und Gerätehersteller ein Formatchaos vermeiden wollen.

Der Schauplatz des Wettbewerbs um das Fernsehen der Zukunft liegt jedoch vor allem in den USA, dem Land, in dem die meisten international verkauften TV-Serien produziert werden - und jährlich rund 70 Milliarden Dollar in Fernsehwerbung fließen. Letztlich wird es um die Neuverteilung dieser gewaltigen Geldströme gehen.

Auch der weltgrößte Online-Händler Amazon.com soll an einem eigenen Internet-TV arbeiten. Amazon verhandele mit mehreren Medienkonzernen, um Fernsehsendungen, Filme und Serien online auf Sendung bringen zu können, berichtete das «Wall Street Journal» am Mittwoch.

Google will im Herbst ebenfalls auf einer eigenen Plattform Fernsehen und Internet verschmelzen - und zu dem Konzern gehört schließlich die führende Onlinevideo-Website YouTube. Sony will im Herbst einen Fernseher für Google TV zunächst in den USA auf den Markt bringen, wie Stringer ankündigte.

Auf der IFA steht auch noch eine weitere Fernsehneuheit im Mittelpunkt: 3D-TV. Nach dem überragenden Erfolg von dreidimensionalen Kinofilmen wie «Avatar» will die Industrie die Technik auch schnell in die Wohnzimmer bringen.

Die deutschen Haushalte werden in diesem Jahr durchschnittlich 636 Euro für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik ausgeben, schätzt die Branche. Mit der Absatzprognose von knapp zehn Millionen Flachbild-Fernsehern kauft sich - zumindest rechnerisch - jeder vierte Haushalt ein neues TV-Gerät.

Fernseher nähern sich dem Lebenszyklus der Computer an, wie der Experte des Fachverbands Bitkom für Unterhaltungselektronik, Michael Schidlack, sagte. Bis in die 90er Jahre war der Fernseher oft noch eine Anschaffung fürs Leben. Jetzt kommt vielfach alle drei bis fünf Jahre ein neues Gerät ins Haus.

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