Wissenschaft

Gehirnveränderungen bereits vor Drogenabhängigkeit

Drogenabhängige sowie ihre gesunden Geschwister haben Veränderungen im Gehirn und Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Impulsen. Foto: Frank Leonhardt/ Symbol

Washington/Cambridge (dpa) - Drogenabhängige und ihre gesunden Geschwister haben Veränderungen im Gehirn und Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Impulsen. Forscher der britischen Universität Cambridge sehen darin Hinweise, dass solche Anomalitäten anfällig für eine Drogensucht machen.

«Wir gehen davon aus, dass es Gehirnveränderungen gibt, die den Drogen ein leichtes Spiel ermöglichen», sagte die deutsche Psychologin Karen Ersche, die seit zehn Jahren in Cambridge arbeitet, der Nachrichtenagentur dpa. «Die brennende Frage ist: Was hat die Geschwister beschützt, die nicht krank wurden?» Ihr Team berichtet über die Untersuchung im US-Fachjournal «Science».

Für die Studie untersuchten die Forscher 50 Geschwisterpaare - je ein Proband eines Paares war gesund, der andere drogenabhängig. Die Experten verglichen diese Teilnehmer mit 50 gesunden Menschen, die ähnlich alt und intelligent waren. «Die Geschwisterpaare hatten es in der Kindheit schon schwieriger als die Vergleichspersonen, sie hatten beispielsweise häufiger mit häuslicher Gewalt zu kämpfen.»

Ersche und Kollegen interessierten sich vor allem für die Abhängigkeit von Stimulanzien wie Kokain oder Amphetamine. «Diese machen vergleichsweise schnell abhängig. Das Risiko ist achtfach höher, wenn es bereits Drogen- oder Alkoholabhängigkeit in der Familie gibt.» Das sei ein Hinweis auf eine erbliche Komponente, ohne dass man bislang ein Gen für Suchtgefährdung gefunden habe.

Die Forscher machten Aufnahmen mit einem Hirnscanner und führten psychologische Tests durch. «Die Geschwisterpaare, von denen einer erkrankt war, hatten Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Impulsen.» Die Teilnehmer mussten am Computer Aufgaben lösen und sollten nach einer Ansage stoppen. Bei den Geschwisterpaaren dauerte es laut Ersche viel länger als bei den gesunden Vergleichsprobanden, bis der Befehl «vom Gehirn in der Hand ankam» und sie nicht weiterklickten.

«Die Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle spiegelten sich in der weißen Substanz des Gehirns wieder, also in den Nervenverbindungen», sagte Ersche. «Die Nervenverbindungen im Frontalhirn waren weniger effizient als bei den Probanden aus der Vergleichsgruppe, die Geschwister waren sozusagen schlechter verkabelt.» Das sei bedeutsam, weil das Frontalhirn für die zielgerichtete Kontrolle menschlichen Handelns zuständig sei.

«Außerdem fanden wir ein vergrößertes Putamen, das ist eine Hirnregion, die für die Gewohnheitsbildung wichtig ist. Ist es eine gute Angewohnheit, dann ist das von Vorteil. Handelt es sich aber um eine schlechte Angewohnheit wie Drogenkonsum, der außer Kontrolle gerät, dann wird es kritisch.» Auch andere Hirnregionen waren bei den Geschwistern im Vergleich zur Kontrollgruppe größer oder kleiner.

Dass Drogenabhängige Veränderungen im Gehirn haben, ist nicht neu. Unklar war jedoch, ob die Anomalien vor dem Drogenkonsum oder durch den Drogenkonsum entstanden. Für beides fand das Team Belege. Die Wissenschaftler wollen sich nun intensiver mit gesunden Geschwistern von Drogensüchtigen befassen. «Sie hatten ja ähnliche Anomalitäten im Gehirn wie ihre drogenabhängigen Geschwister und Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle. Wie managen diese Menschen ihr Leben?» Aus diesen Erkenntnissen könnten vielleicht neue Therapien entstehen.

Autoren eines Begleitkommentars sehen in den Hirnveränderungen einen «potenziellen Biomarker». Möglicherweise könnten Interventionen bei Kindern und Jugendlichen zur Selbstkontrolle diese Veränderungen beeinflussen. Dafür sei jedoch weitere Forschung notwendig, schreiben Nora Volkow und Ruben Baler vom National Institute on Drug Abuse in Rockville, der US-Behörde zur Bekämpfung von Suchterkrankungen.

Seitenanfang
Druckversion
Artikel mailen
Mr. Wong
Linkarena
Webnews
YiGG - Bookmark setzen
Online-Partner
.
Aktuell

Thema des Tages

Die Nato setzt auf Afghanistans eigenes Können

Chicago (dpa) - Das Vertrauen der Nato in Afghanistan wächst. Auf ihrem Gipfel setzt sich die Hoffnung durch, dass das Land schon Mitte 2013 wieder selbst für Sicherheit und Ordnung sorgt. Ob es klappt oder nicht, kostspielig bleibt die Operation für die Allianz so oder so. »weiter
Lesen Sie auch:
»Afghanen leiten schon 2013 Isaf-Kampfeinsätze
»F&A: Was der Nato-Gipfel gebracht hat
»Wie funktioniert die Nato-Raketenabwehr?
Sport

Biedermann: EM-Champ ohne Olympia-Norm

Debrecen (dpa) - Auch ohne Olympia-Norm reichte es für Paul Biedermann zum dritten EM-Titel, die siegreiche Freistilstaffel um seine Freundin Britta Steffen sorgte für die 600. deutsche Medaille bei Europameisterschaften. »weiter
Lesen Sie auch:
»Mayer holt zweiten Punkt zum Sieg gegen Russland
»DFB weist Einspruch ab - Hertha geht in Berufung
»Klare EM-Ansage: Vize-Bayern bleiben Chefs
Wetter

19 ° C - Gewitter

»mehr Wetter
Börse
DAX
DAX 6.346,00 +1,19%
TecDAX 753,25 +1,45%
EUR/USD 1,2782 +0,02%

Quelle: Deutsche Bank / Realtime Indikation


Computer

20 000 Netz-Detektive errieten «Tatort»-Verbrecher

Stuttgart (dpa) - Rund 20 000 Hobby-Kriminologen haben den richtigen Riecher gehabt: Sie ermittelten beim ersten Online-Spiel zum Krimiklassiker «Tatort» den Täter Murat. Das teilte der Südwestrundfunk (SWR) zum Abschluss der Aktion am Montag in Stuttgart mit. »weiter
Lesen Sie auch:
»Streit zwischen Gema und YouTube geht in neue Runde
»Yahoo versilbert Alibaba-Anteil
»«Konkurrenz benachteiligt»: EU erhöht Druck auf Google
Wissenschaft

Seltenes Waldrind bleibt weiter ein Rätsel

Gland/Frankfurt (dpa) - Das äußerst seltene vietnamesische Waldrind bleibt auch 20 Jahre nach seiner spektakulären Entdeckung ein Rätsel für die Forschung. Bis heute habe noch kein Biologe das Tier in freier Wildbahn entdecken können, teilte die Weltnaturschutzunion (IUCN) mit. »weiter
Lesen Sie auch:
»Preise für Fensterantenne und Mundgeruch-Formel
»Bakterien überleben in Zeitlupe seit der Zeit der Saurier
»Forscher finden Schossgen der Zuckerrübe