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Über die “Luftbrücke” nach Hause

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BOMLITZ - 03. April 2020 - 05:00 UHR - VON REDAKTION

Hannah Mattis aus Bomlitz gehört zu den Deutschen, die derzeit weltweit per “Luftbrücke” von der Bundesregierung zurück ins Heimatland geholt werden. Im vergangenen Sommer hatte sie sich aufgemacht, um den Abiturstress hinter sich zu lassen und neue Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Neuseeland war ihr Ziel. Nun ist sie wieder in der Heimat, berichtet von der Zeit in Auckland und der Rückholaktion.

Grenzen dicht, Flüge gecancelt und die ganze Welt im “Lockdown”-Modus - mit diesen Worten lassen sich meine letzten Wochen in Neuseeland zusammenfassen. Im Juli des vergangenen Jahres verließ ich Deutschland, um nach dem Abitur für zehn Monate als Au Pair in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, zu arbeiten. Die ersten Monate waren aufregend und nicht immer leicht. Es galt, den verregneten Winter hinter sich zu bringen, den Kulturschock zu verarbeiten und sich ohne Freunde und Familie in einem fremden Land einzuleben. Da war der Stadt-Dorf-Kontrast zwischen Bomlitz und Auckland, der Linksverkehr, die andere Ernährung und vieles mehr. Doch hätte ich damals gewusst, was noch auf mich warten würde, hätte ich all das eher als kleine “Anfangsprobleme” eingestuft.

Viruserkrankung zu Beginn nicht wirklich ernst genommen

Auch wenn Neuseeland als Inselstaat im Südwestpazifik ziemlich isoliert und abgelegen liegt, hat die Corona-Pandemie auch hier nicht halt gemacht. Was im chinesischem Wuhan als Einzelfall begann, breitete sich in nur wenigen Wochen auf die ganze Welt aus. Dabei muss ich eingestehen, dass ich und viele andere meiner Au-Pair- Freunde die Viruserkrankung zu Beginn nicht wirklich ernst genommen haben. Gefühlt waren wir einfach so weit entfernt, und in unserer Auslandsjahr-“Blase” ging es mehr um Aktivitäten mit den Gastkindern oder das Ziel für den nächsten Wochenendtrip.

Zahl der Erkrankten in Neuseeland stieg kontinuierlich

Doch als sich die Lage in Europa immer mehr zuspitzte, bekam auch ich die Konsequenzen zu spüren. Zunächst sagten die Eltern meiner Freunde ihre Reisen nach Neuseeland ab, dann verkündete Premierministerin Jacinda Ardern die Schließung der Grenzen für alle Ausländer. Die Zahl der Erkrankten in Neuseeland stieg kontinuierlich, und mir wurde nach und nach bewusst, vor was einer Herausforderung die Welt, und somit auch ich in meinem Auslandsjahr, stand. Ich versuchte, viel in Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden in Deutschland zu bleiben, um Rat zu suchen und von den neusten Ereignissen zu hören. Zeitgleich stellten immer mehr Airlines den Flugverkehr ein, und Hongkong, Singapur und die arabischen Emirate schlossen die Transitbereiche. Ursprünglich hatte ich meinen Rückflug am 30. April geplant, im Anschluss an eine zweiwöchige Rundreise auf der Südinsel. Doch schnell war klar, dass dann weder die Möglichkeit zu reisen bestehen, noch ein Flieger nach Frankfurt starten würde.

Für die geplante Rückholaktion registrieren

Durch die eingeschränkten Reisemöglichkeiten rückte Neuseeland in den Fokus des Auswärtigen Amtes, und es wurde empfohlen, sich in eine Krisenvorsorgeliste einzuschreiben und für die geplante Rückholaktion zu registrieren. Mir war bewusst, dass ich angesichts der Krankheitsausbreitung in Neuseeland besser aufgehoben wäre. Doch wollte ich während einer weltweiten Ausnahmesituation nur ungern alleine am anderen Ende der Welt, getrennt von der Familie, sein. Und so traf ich die Entscheidung, lieber einen Monat eher abzureisen.

“Mein Alltag wurde auf dem Kopf gestellt”

Meine Au Pair-Organisation schaffte es noch, mir einen Rückflug für den 3. April über Katar zu buchen, und so aktualisierte ich gefühlt im Stundentakt meinen Buchungsstatus, um zu schauen, ob der Flug noch bestätigt war. Schließlich wusste ich, dass sich die Lage im Minutentakt hätte ändern können, und das machte mir große Sorgen. Auch mein alltägliches Leben wurde, nachdem die höchstmögliche Sicherheitsstufe verkündet wurde, komplett auf den Kopf gestellt. Ich war im Haus mit meinen Gasteltern und -kindern “gefangen”, konnte meine Freunde nicht mehr sehen, und banale Dinge wie der regelmäßige Gang ins Fitnessstudio oder zum Strand fielen weg.

Nur zehn Stunden blieben, um Koffer zu packen

Die erste Woche in Quarantäne verging, und ich freute mich auf das Wochenende. An dem sollte auch der erste Flug der deutschen Bundesregierung starten, um die mehr als 12.000 in Neuseeland gestrandeten Deutschen nach Hause zu bringen. Um 21 Uhr las ich in einer WhatsApp-Gruppe die Nachricht, dass noch Plätze für den Flug verfügbar seien. Außerdem hätten die neuseeländische Regierung weitere Rückholflüge untersagt. In diesem Moment habe ich nicht lange überlegt, sondern einfach zum Handy gegriffen und die Nummer der Botschaft gewählt. Und ich hatte Glück. Ich war überglücklich, wusste aber auch, dass mir somit nur zehn Stunden blieben, um meine Koffer zu packen und mich von meiner Gastfamilie zu verabschieden. Zehn Stunden, um das Leben der vergangenen neun Monate hinter mir zu lassen.

Wieder in Deutschland gelandet

Um 5 Uhr früh erreichte ich am vergangenen Sonnabend den Flughafen. Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft koordinierten die Abläufe. Von Auckland ging es über Tokio nach Frankfurt am Main. Hauptsächlich war das Flugzeug mit minderjährigen Austauschschülern gefüllt, aber auch einige ältere Menschen und Familien mit Babys waren an Bord. Wieder in Deutschland gelandet, wurde mir schnell bewusst, wie ernst die Lage hier momentan ist: Aus Sicherheitsgründen duften nur 40 Personen alle fünf Minuten das Flugzeug verlassen, und bis auf die Beamten der Bundespolizei war einer der größten deutschen Verkehrsflughäfen menschenleer. Das Wiedersehen mit meiner Familie war durch den einzuhaltenden Abstand natürlich auch anders, als ich es mir gewünscht hätte, aber ich bin trotzdem froh, nach dieser aufregenden und ereignisreichen Zeit wieder zurück in Deutschland zu sein. Trotzdem bin ich unendlich dankbar für die wunderschöne Zeit am anderen Ende der Welt!Hannah Mattis

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