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Erinnerungen an Schweinerennen, Schulbau und Hofleben: “777 Jahre Altenboitzen” begeistert mit vielen Veranstaltungen

Als manches Brautpaar noch abgekanzelt wurde

Heimatkunde, Rechnen, Schreiben, Lesen und Benehmen: Der Schulalltag sah früher ganz anders aus als heute, das zeigte die große Feldrundfahrt zu den (ehemaligen) Schulen in und um Altenboitzen.red (4)
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Heimatkunde, Rechnen, Schreiben, Lesen und Benehmen: Der Schulalltag sah früher ganz anders aus als heute, das zeigte die große Feldrundfahrt zu den (ehemaligen) Schulen in und um Altenboitzen.red (4)
ALTENBOITZEN - 18. Juli 2019 - 14:18 UHR - VON REDAKTION

Das Dorf Altenboitzen feiert in diesem Jahr ein “Jubiläum”: Vor 777 Jahren wurde es erstmals urkundlich erwähnt. Über das Jahr hinweg sind daher verschiedene Veranstaltungen geplant, zu denen alle Altenboitzer Einwohner und alle “Ehemaligen” eingeladen sind.

Den Auftakt bildete ein Nachmittag mit Dr. Stephan Heinemann auf Braukmanns Hof. Bei Kaffee und Butterkuchen lauschten die Altenboitzer dem Vortrag des Historikers aus der Geschichte ihres Dorfes. Zu Beginn wurde das Leben früher in den Kapiteln “Bäuerliche Bevölkerung und Abgaben” und “Ablösung, Gemeinheitsteilung und Verkoppelung” durchleuchtet. Hohe Lasten wie das Zehntgesetz und starre Rangordnungen zwischen Adel, Kirche und Bauer bestimmten das Leben. Die Bauern hatten jährlich einen Zins an den Grundherren zu zahlen: Getreide, Hühner, Schweine oder Geld. Zusätzlich mussten Hand- und Spanndienste geleistet werden: Mist fahren, den Acker pflügen und bestellen, Holz hacken, Schafe scheren, Flachs ernten oder Hofdienste leisten. Dazu kamen noch die Zehnten, die je nach der Ernte verschieden waren. Man unterschied den Fruchtzehnten, den Schmalzehnten oder den Fleischzehnten. Fruchtzehnten war der Zehnte von Roggen, Hafer, Gerste, Buchweizen, Flachs und Erbsen. Schmal- oder Fleischzehnte wurden von allem Vieh gefordert, von Fohlen, Kälbern, Lämmern und Bienen.

Altenboitzen hatte ursprünglich zehn Vollmeier, zehn Halbmeier und neun Kötnerstellen, wie aus einem Verzeichnis von 1669 hervorgeht. Mit der Zeit kamen noch die Anbauern und Abbauern hinzu, die mit den Häuslingen zusammen an unterster Stelle standen.

Im zweiten Teil berichtete Dr. Heinemann über die Sitten und Gebräuche aus dem vergangenen Jahrhundert. Die älteren Zuhörer konnten sich noch gut daran erinnern, als es zum Beispiel um die Sitten rund um die Hochzeit ging. Einige Tage vor der Hochzeitsfeier setzte sich der “Bettewagen” der Braut vom Hof ihres Elternhauses aus in Bewegung, hin zum Hof des Hochzeitshauses. Auf langen Leiterwagen befand sich die Aussteuer der Braut, die unter anderem aus großen Ballen selbstgewebten Leinens, selbstgewebten Tischtüchern, Bettlaken und Bettwäsche bestand. Die Möbel wurden gewöhnlich aus den eigenen Eichen des Hofs hergestellt und mit wertvollen Schnitzereien versehen. Die Braut selbst saß stolz auf dem ersten Wagen, neben sich ein geschmücktes Spinnrad.

Im Zusammenhang mit der Hochzeit wurde dann auch erklärt, woher der Begriff “Abkanzeln” kommt. Denn Myrtenkranz und Schleier durfte die Braut nur tragen, wenn sie noch jungfräulich war. Stellte sich dies als Irrtum heraus, wurde das später im Gottesdienst der Gemeinde von der Kanzel herab verkündet, die werdenden Eltern also “abgekanzelt”.

Nach einigen weiteren Geschichten klang der Nachmittag mit alten Bildern und dem Ratespiel, wer auf welchem Bild zu erkennen ist, aus, bevor es dann beim ersten Stammtisch im Jubiläumsjahr in der Bäkschün auf eine Reise in die jüngere Vergangenheit ging. Es wurden alte, private Filmaufnahmen aus Altenboitzen gezeigt. Den für viel Gelächter sorgenden Start bildete das legendäre Schweinerennen: 1982 kamen viele tausend Besucher ins Dorf und sorgten für ein Verkehrschaos, um Schweine auf einer zwei mal 35 Meter langen Rennbahn laufen zu sehen.

Beim zweiten Film ging es noch etwas weiter zurück in die Vergangenheit. 1971 wurde ordentlich “Buerbeer” gefeiert, die traditionelle Dorfversammlung für die Abrechnungen in den einzelnen Verbänden wie etwa Jagd oder Forst. Dazu gab es Kindertanz in Imwiehes Saal mit Kapelle. Und auch die Bauernpaare tanzten abends nach dem Essen. Auch dieser Film wurde mit viel Lachen und erstaunten Ausrufen begleitet, und es war gar nicht so einfach alle Personen, gerade die Kinder, von vor knapp 50 Jahren wiederzuerkennen.

Und auch die dritte Veranstaltung befasste sich mit der Geschichte Altenboitzens. Die alljährliche Feldrundfahrt, vom Wegevogt organisiert und vom Dörpsverein begleitet, hatte das Thema: “Auf den Spuren der Schulen in und um Altenboitzen”. Rekordverdächtige knapp 70 Teilnehmer starteten mit Trecker, Wagen und Kutsche zunächst in Klein Eilstorf. Ziel war das Schulmuseum. Auf der Rückfahrt passierte die Kolonne die aktuelle Grundschule und die alte Schule in Kirchboitzen, in der die Altenboitzer Schüler schrittweise ab 1963 unterrichtet wurden.

Abschluss der Rundfahrt bildeten die beiden Altenboitzer Schulstandorte. Die alte Schule aus dem Jahre 1771 steht nicht mehr. Sie wurde 1936 abgebrochen. Die Umrisse des ehemaligen Schulgrundstücks auf “Schlächters Hof” waren aber noch einmal abgesteckt, und Detlef Gieseke ließ in das Leben der Lehrer aus der damaligen Zeit blicken. An der letzten Schule in Altenboitzen, die 1859 gebaut wurde, gab Heiner Winkelmann Geschichten aus seiner Schulzeit in diesem Gebäude preis. Singen und Frühsport standen jeden Morgen zu Beginn auf dem Plan. Auf Heimatkunde und Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Benehmen wurde der Fokus gelegt. Besondere Ereignisse waren der Schulstart für die neuen Erstklässler und die Entlassung der Schulabsolventen. Zu beiden Anlässen ging die Klasse durchs Dorf und holte die neuen Erstklässler von zu Hause ab bzw. brachte die Abgänger wieder nach Hause.

Stephan Rengstorf berichtete, dass die Schule 1904 aus Platzgründen umgebaut worden war und nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu 123 Kinder in zwei Schichten unterrichtet werden mussten. Zum Ende des Krieges wurde der Unterricht ausgelagert, weil holländische Flüchtlinge dort untergebracht waren oder die Britische Armee die Schule als Quartier besetzte.

Die Rundfahrt endete am “Sprüttenhus”, wo sich die Teilnehmer zum Abschluss noch beim Freiluft-Kino amüsieren konnten. Insgesamt waren alle drei Veranstaltungen sehr gut besucht und ein Erfolg. Die Vorfreude auf unter anderem das Kinderfest, den Kiel-Ausflug und das Dorffest im “Jubiläumsjahr” steigt.

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