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Das “Gesicht” der Hausgärten hat sich verändert

Auf der Suche nach einem Zuhause: Das gilt besonders für Wildbienen, für die es immer weniger Lebensraum gibt.pixabay (2)
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Auf der Suche nach einem Zuhause: Das gilt besonders für Wildbienen, für die es immer weniger Lebensraum gibt.pixabay (2)
WALSRODE - 07. Mai 2019 - 20:00 UHR - VON REDAKTION

Der Biodiversitätsrat der UN lässt die Alarmglocken schrillen: Das Artensterben nimmt bedrohliche Ausmaße an. Doch was kann jeder Einzelne tun, um diese Entwicklung aufzuhalten? Marita Eichler vom Verein “Über Zäune schauen” hat mit Unterstützung von Tanja Wendtland Tipps für die Gartengestaltung zusammengetragen.

Bereits im Februar waren die ersten Hummeln und Bienen (in diesem Fall allerdings Honigbienen) bei 14 Grad und strahlendem Sonnenschein auf den voll geöffneten Blüten der Winterlinge, Elfenkrokusse und an Schneeglöckchen zu sehen. Da macht es für Gartenbesitzer Sinn, nachzudenken: Wie lässt sich das Areal auch für Tiere optimal anlegen?

Das “Gesicht” der Hausgärten hat sich verändert. Früher fand man in den Bauern- und Hausgärten blühende Bäume, Gemüse und bunte Kräuter- und Blumenrabatten, die Nahrung für Vögel und Insekten darstellten. Heute muss ein Hausgarten vor allem pflegeleicht sein. Und so stehen häufig auf monotonem Grün eher Blautannen und Thujabäume. Die meisten Hausgärten sind - wohl auch aus Zeitmangel - zu Ödland-Parzellen geworden.

Aber auch Balkone, die früher liebevoll mit Blumen geschmückt wurden, sind heute meistens nur noch für den Wäscheständer da, um Getränkekisten zu lagern oder den Abfall. Zudem hat sich die Nahrung der Menschen gewandelt. Häufig ist statt frischem Gemüse, Salat oder Obst Fastfood angesagt.

Es ist deshalb nicht nur bei den Honigbienen, sondern vor allem bei den Wildbienen ein alarmierender Rückgang zu beobachten. Die Lebensraumzerstörung macht den Wildbienen zu schaffen, aber auch die Anwendung von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln, der Straßenverkehr und eine zum Teil übertriebene Garten- und Parkpflege. In der “ausgeräumten Kulturlandschaft” fehlt es an wilden Pollenspendern. Es gibt kaum noch Feldraine und Magerwiesen, Wegränder ohne Wiesenkräuter, kaum noch Flurgehölze und Hecken. Dabei könnte man auf den diversen Ödländereien doch wenigstens die Gemeine Schneebeere pflanzen. Auch die Duftesche ist leider weitgehend unbekannt.

Wildbienen gehören zu der Insektenordnung der Hautflügler, von denen es in der Bundesrepublik allein 520 Arten in sieben Familien gibt. Gerade diese Artenfülle, die Vielfalt an Formen, Farben, Lebensweisen und ökologische Besonderheiten macht sie für die Gärten so interessant. Die ökologische Bedeutung dieser Insektengruppe ist beachtlich, da sie auch die Bestände anderer “Schadinsekten” regulieren. Zusätzlich sind sie zum Bestäuben der Blüten von großer Bedeutung. Der weitaus größte Anteil der Wildbienenarten lebt solitär, also alleine.

Manche Wildbienen erinnern mit ihrer geringen Länge ab zwei Millimetern mehr an Ameisen, andere sehen der Honigbiene auf den ersten Blick täuschend ähnlich, wieder andere werden eher für Wespen gehalten. Manche Bienen haben sich auf hohle bzw. markhaltige Stängel spezialisiert, manche brauchen morsches Holz als Nistmöglichkeit, einige Arten - wie die Sandbienen - bevorzugen ebene Flächen und wieder andere nisten an Steilwänden. Einige Mauerbienen haben sich sogar auf leere Schneckenhäuser spezialisiert.

Die meisten Arten bohren ihre Brutgänge nicht. Sie beziehen bereits vorhandene Bohrgänge, in denen sie ihre Brutzellen bauen. In der Natur werden diese Gänge von bestimmten Käfern durch Fraßgänge erzeugt. Ob nun die Käfer die Löcher bohren oder Gartenbesitzer, ist egal: Jedes Loch wird intensiv von den Bienen begutachtet. Wird es für gut befunden, wird im Frühjahr Nektar und Baumaterial eingetragen.

Wildbienenschutz fängt vor der Haustür oder schon auf dem eigenen Balkon an. Schon ein Stück trockenes Laubholz, 12 x 12 x 30 Zentimeter mit Löchern versehen, nehmen Wildbienen als Wohnraum gerne an. Es sollte Hartholz sein, ein weiches Holz würde reißen und die Bohrungen können nicht so glatt ausgeführt werden. Erlenholz, aber auch Buche, Eiche oder Esche haben sich bewährt. Die Bohrlöcher sollten ein bis acht Millimeter Durchmesser und eine Länge von etwa sieben Zentimetern haben und nach hinten ansteigend angeordnet sein, damit es nicht hi-neinregnen kann.

Da die Bewohner sehr wärmeliebend sind, sollte das Quartier möglichst sonnenexponiert und etwas überdacht aufgehängt werden. Auch 15 bis 20 Zentimeter lange zusammengebundene Bambusstäbe oder Strohhalme erfüllen ihren Zweck. Wenn man diese in eine Dose steckt, ist die Wildbienenbehausung sogar regen- und windgeschützt.

In einem Wildbienenturm sollten sich nicht nur Holz mit Bohrlöchern, sondern auch markhaltige Stängel wie Distel, Monarda (Indianernessel), Holunder, Himbeer- und Brombeerranken öder ähnliches befinden. Lochsteine zum Beispiel dienen den Florfliegen als Winterquartier, wenn sich eben keine Blattschneiderwespen dort einfinden wollen. So ist für “jeden Geschmack” etwas dabei.

Ab Ende März bis in den Oktober hinein herrscht - bevorzugt bei Sonnenschein - reges Treiben an den Insektenbehausungen. Das Weibchen, das als Larve überwintert hat, kommt an warmen Tagen aus ihrer Winterbehausung zeitgleich mit den Männchen. In ihrem kurzen Leben müssen sie für eigene Nachkommen sorgen. Ist die Paarung vollzogen, beginnt das Wildbienenweibchen mit dem Nestbau. Unermüdlich werden nun die entsprechenden Futterpflanzen angeflogen, um Nektar und Pollen zu sammeln. Geht das Weibchen dann mit dem Hinterteil zuerst in ihre Behausung, beginnt sie mit der Eiablage.

Meistens werden in einem Brutgang mehrere Kammern angelegt. Jede Kammer beinhaltet ein Ei, das auf einen Berg von Pollenstaub (sogenanntes Pollenbrot) abgelegt wurde. In einem Brutgang sind manchmal fünf solcher Kammern vorhanden. Danach werden die Gänge von den Wildbienen verschlossen.

Allein die Vielzahl der unterschiedlichen Nestbauweisen ist bemerkenswert. So verwendet beispielsweise die Mauerbiene feuchten Lehm, die Blattschneiderbienen zerkaute Blattmassen und die Blattlauswespe Harz und kleine Steine zum Verkleben der Bohrgänge. Nachdem verschiedene Brutkammern angelegt und verschlossen wurden, sterben die Elterntiere ab. Dies alles hautnah zu beobachten ist für Erwachsene und für Kinder gleichermaßen interessant.

Die Entwicklung der Eier und der späteren Jungtiere erfolgt völlig selbstständig. Die Jungtiere schlüpfen im Jahr darauf - dies ist genetisch gesteuert - der Reihe nach und “graben” sich wieder frei. Eine Reinigung der Bohrlöcher ist somit nicht notwendig.

Für interessierte Besucher haben wir einen Schaukasten mit gläsernen Röhren, um so einmal einen Blick ins Innere der Gänge werfen zu können. Alle Arten sind absolut friedliebend und völlig ungefährlich, denn die wenigsten haben einen Stechapparat.

Die Hummeln dürfen natürlich nicht unerwähnt bleiben. In Mitteleuropa gibt es etwa 30 Hummelarten, zehn davon sind bereits regional verschwunden. Neben Wildbienen und Honigbienen sind sie zum Bestäuben der Blüten von großer Bedeutung, da die kurzrüsseligen Hummelarten auch dann die Blüten anfliegen, wenn es den Honigbienen zu kalt ist (sie fliegen erst ab zwölf Grad). Dabei beißen sie bei manchen Blüten die nektarhaltigen Kronröhren an und ermöglichen den Honig- und Wildbienen somit bereits im zeitigen Frühjahr den ersten Weg zum Nektar.

Die im Herbst begatteten großen Weibchen überwintern in frostgeschützten Verstecken. Sobald es im Frühjahr etwas wärmer wird, suchen sie nach einem geeigneten Nistplatz. Aufgrund dieser besonderen Eigenart sind gerade Hummeln unersetzlich. Es zeigt sich deutlich, wie nützlich eine große Artenvielfalt sein kann.

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