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Buch: Der Friedhof der Namenlosen in Oerbke / Lokale Erinnerung und Auseinandersetzungen nach Kriegsende

“Das waren auch Menschen wie wir, aber ...”

Vera Hilbich hat das Buch “Der Friedhof der Namenlosen in Oerbke” geschrieben.red
Vera Hilbich hat das Buch “Der Friedhof der Namenlosen in Oerbke” geschrieben.red
OERBKE - 29. Januar 2018 - 11:39 UHR - VON REDAKTION

Erinnerungen wach halten, Wiederholungen verhindern, wachsam bleiben: Unter dieser Überschrift kümmern sich viele Menschen in der hiesigen Region darum, dass die Gräueltaten aus zwei Weltkriegen (und auch aktuelle Unmenschlichkeiten) nicht unter dem Deckmantel der Geschichte verschwinden. Ein Baustein ist das Buch von der gebürtigen Dorfmarkerin Vera Hilbich “Der Friedhof der Namenlosen in Oerbke - Lokale Erinnerung und Auseinandersetzungen nach Kriegsende”. Auf 167 Seiten zeigt dieses Buch aus der Schriftenreihe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (Band 4) mehr über die Geschichte des Friedhofs und den Umgang der Menschen mit den Ereignissen.

Im Heidekreis kommt ohnehin niemand um die Themen “Militär” und “Krieg” herum. Munster als größter deutscher Heeresstandort und der größte Nato-Truppenübungsplatz Bergen machen allgegenwärtig deutlich, dass Menschen sich auf diesem Erdball bekämpfen. Letztlich erinnert auch das Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Bad Fallingbostel/Oerbke jeden Tag daran, dass überall Waffen sprechen.

Der Kriegsgefangenenfriedhof Oerbke bei Bad Fallingbostel zählt zu den größten Anlagen dieser Art in Deutschland. Um die 14.000 sowjetische Kriegsgefangene liegen dort in Massengräbern begraben, ist in dem Buch nachzulesen. Die überwiegende Zahl der Opfer war im Winter 1941/42 im sogenannten “Russenlager” Oerbke an Hunger, Kälte oder Krankheiten zugrunde gegangen. Der Klappentext fasst zusammen: “Verantwortlich für das Massensterben waren die NS-Führung und die deutsche Wehrmacht, die im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion das Kriegsvölkerrecht und die Genfer Konvention missachteten”.

Vera Hilbich hat den Umgang mit diesem Friedhof und das Gedenken an die Opfer in den Nachkriegsjahrzehnten im regionalen Umfeld untersucht. Sie beschreibt die Geschichte des Friedhofs und die Auseinandersetzungen zwischen lokalen Akteuren und Initiativen, Einwohnern und Behörden. Ihr Anspruch: Die Studie soll exemplarisch den Wandel aufzeigen in Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im Kontext der Verbrechen der Wehrmacht vom “Kalten Krieg” bis in die jüngste Zeit.

“Das waren ja auch Menschen wie wir, aber ...”: So beginnt die Antwort einer Oerbkerin auf die Interview-Frage, was sie als junges Mädchen über die sowjetischen Kriegsgefangenen gedacht habe. Es scheine so, schreibt Vera Hilbich, dass trotz der gewaltigen Dimensionen und grausamen Bedingungen der Gefangenschaft nur eine kleine Minderheit der Ortsansässigen etwas mitbekommen hatte. War das so? “Diese Gräberstätte kann als eine Art Seismograf Auskunft über den Umgang mit der NS-Geschichte des Ortes geben”, hält Vera Hilbich im Vorwort fest.

Im Fazit stellt die Autorin fest: Allein eine lange Liste von unterschiedlichen Namen für ein und denselben Ort zeugt von der wechselhaften Geschichte und Wahrnehmung dieses Kriegsgefangenenfriedhofs. Heute ist das Gelände geprägt vom Umgestaltungswillen der 1960er Jahre. “Gras wachsen lassen” über damalige Ereignisse - oder alles wach halten? Vera Hilbichs Forschungen ergaben, dass unterschiedliche Strömungen den Lauf der Ereignisse bestimmen.

Viele lokale Akteure und Veröffentlichungen hat die Autorin bei ihrer Recherche ins Spiel gebracht. Die Walsroder Zeitung taucht unter der Überschrift “Dank” beispielsweise ebenso als Quellen-Lieferant auf wie die Arbeitsgemeinschaft “Weg des Erinnerns”, Bad Fallingbostels Stadtarchivar Dr. Wolfgang Brandes sowie Klaus Harjes, Klaus Kleinau und Günther Pankoke (alle Bad Fallingbostel) sowie viele weitere Gesprächspartner.

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