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Serie “Mein Landleben”: Warum Klingeln auf dem Land oft nur Dekoration sind und Hausbewohner auf alles gefasst sein müssen

Der ewige Tag der offenen Tür

Die Tür auf dem Land ist selten verschlossen. Foto: Anke Weber
Die Tür auf dem Land ist selten verschlossen. Foto: Anke Weber
HöREM - 09. Oktober 2020 - 07:00 UHR - VON REDAKTION

WZ-Autorin Anke Weber schreibt über ihr Landleben zwischen Gartenarbeit, desaströsen Kochversuchen, Naturerlebnissen und Stadtbesuchen, wobei sie Menschen, Tiere, Pflanzen und manchmal auch sich selbst unter die Lupe nimmt.

Fast jedes Haus verfügt über eine Klingel. Ihre herkömmliche Aufgabe ist es, die Menschen im Haus darüber zu informieren, dass an der Tür jemand mit ihnen kommunizieren möchte. Ich bin mit so einer Klingel an der Haustür aufgewachsen. Bei meinen Großeltern war das anders. Dort gab es jahrelang gar keine Klingel. Da es sich um meine Großeltern handelte, war es für mich ganz natürlich, durch die Diele in die Wohnräume zu laufen und mitten in ihrem Leben zu landen. Wenn ich jedoch meine Freundin auf dem Bauernhof besuchte, war mir dieser erste Moment beim Betreten des Hauses immer irgendwie unangenehm. Die Klingel an der Eingangstür schien nur ein sinnloses Bauteil zu sein, das ein moderner Architekt bei einer Umbaumaßnahme durchgesetzt hatte. Benutzt hat sie so gut wie niemand. Der Weg ins Haus führte für alle, die sich auskannten, also auch mich, durch den Kuhstall und die Hintertür direkt in die Küche. Was mich dort erwartete, konnte ich vorher nie so genau wissen. Im besten Fall Butterkuchen. Wenn es schlecht lief, weckte ich den Opa auf, der auf der Eckbank schlief, was mir immer peinlich war.

“Noch bevor ich die Besucher hörte, standen sie plötzlich vor dem Küchenfenster.”

Bis heute ist es in vielen Haushalten auf dem Land üblich, Häuser durch Hintertüren oder unverschlossene Haustüren zu betreten. Vermutlich, weil die Hausbewohner die Klingel sowieso nicht hören würden. Sie sind im Garten, Stall oder Keller. Erfolg versprechender ist daher das Umhergehen und laute Rufen. Ich habe inzwischen eine Klingel am Zaun - hauptsächlich wegen des Hundes. Benutzt wird sie nur selten. Zuvor habe ich in einem Haus gelebt, das jeder durch die hintere Terrassentür betreten hat. Noch bevor ich die Besucher hörte, standen sie plötzlich vor dem Küchenfenster. Ein Freund überraschte mich nicht nur einmal morgens vor fünf Uhr in der Küche. Damals war meine Tochter ein Kleinkind und Frühaufsteherin. Sein Anliegen? Ein Kaffee auf dem langen Fußweg von einer Party nach Hause.

“Ich kann nicht sagen, wem es peinlicher war”

Hintertüren sowie offene Haustüren sind zugleich Fluch und Segen. Sie stellen eine herzliche Verbindung her und heißen Besucher willkommen. Durch sie werden Eier, Kuchen, Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Durch sie traut man sich in dreckiger Kleidung oder sogar in Tränen aufgelöst. Wer ohne zu klingeln das Haus betritt, ist eingeweihtes Mitglied der Gemeinschaft. Die Klingel ist für Leute, die sich vorher ordentlich angezogen haben. Das alles ist charmant. Aber manchmal auch unangenehm. So wie einmal, als ich nach dem Duschen schnell den Korb mit der frischen Wäsche nach oben holen wollte und der Hund mit meinem Mann unterwegs war und somit als Ersatzklingel ausfiel. Da kam ich also direkt aus der Dusche die Treppe hinunter und im Flur stand jemand. Ich kann nicht sagen, wem es peinlicher war. Sicher ist jedoch: Wer das Haus durch die Hintertür betritt, trifft manchmal auf Hausbewohner in Unterhose. Wenn überhaupt. Anke Weber

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