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Sozialverband Heidekreis schaltet sich ein - und das Unternehmen entschuldigt sich bei der 73-jährigen Lindwedelerin

Erixx lässt Rollstuhlfahrerin am Bahnsteig stehen

Ausreichend Platz: Zusammen mit Vertretern des Sozialverbands Heidekreis macht Heiderose Domres (oben) noch einmal den Praxis-Test - und kann dieses Mal ohne Probleme im Erixx mitreisen.Foto: Klaus Müller
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Ausreichend Platz: Zusammen mit Vertretern des Sozialverbands Heidekreis macht Heiderose Domres (oben) noch einmal den Praxis-Test - und kann dieses Mal ohne Probleme im Erixx mitreisen.Foto: Klaus Müller
LINDWEDEL - 21. Juli 2020 - 12:07 UHR - VON REDAKTION

“Wir können Sie nicht mitnehmen, Sie passen hier nicht hinein”: Mit diesen Worten verweigert das Personal Heiderose Domres die Mitfahrt im Erixx. Und es bleibt nicht das einzige Mal. Unternehmenssprecher Björn Pamperin gelobt Besserung und rät, wenn möglich, bei Fahrten mit dem Rollstuhl zur Vorabanmeldung.

Für die 73-jährige Lindwedelerin Heiderose Domres wird dieser Tag nie aus der Erinnerung weichen. Die auf einen Rollstuhl angewiesene Frau wollte mit dem Erixx von Schwarmstedt aus nach Hause fahren, doch ein Fahrdienstmitarbeiter des Zuges lehnte sie einfach ab: “Wir können Sie nicht aufnehmen, Sie passen hier nicht hinein.” Und so stand Heideorse Domres verloren auf dem Bahnhof in Schwarmstedt - und ist schließlich die rund sieben Kilometer lange Strecke mit ihrem Gefährt auf der Landesstraße zurückgefahren. Erlebt hat sie immer wieder ähnliche Situationen mit dem Zug. “Man hat mir immer wieder gesagt, dass ich mit meinem Gefährt die anderen Menschen behindere, dass sie wegen mir die Rampe nicht quer durch den Zug bugsieren könnten”, erzählt die 73-Jährige. “Dann hat man mich schließlich einfach meinem Schicksal überlassen.”

Aussagen des Personals entsprechen nicht dem Service-Anspruch

Heiderose Domres wandte sich, nachdem sie beim Unternehmen kein offenes Ohr gefunden hatte, an den Sozialverband Heidekreis und bat dort um Unterstützung. So kam es nun zum Ortstermin auf dem kleinen Bahnhof in Lindwedel, gemeinsam mit Bürgermeister Artur Minke, der Ortsverbandsvorsitzenden Margrit Hölscher, dem SoVD-Kreisvorsitzenden Jürgen Hestermann und der Kreisfrauensprecherin Annette Krämer. “Es ist einfach unsere Pflicht, unsere Mitglieder zu unterstützen”, betonte Hestermann.

Erixx-Unternehmenssprecher Björn Pamperin reagierte prompt, schaute sich die Situation vor Ort an und sagte eine Untersuchung zu. “Natürlich entspricht die Aussage, man habe keine Zeit, nicht unserem Service-Anspruch. Dazu haben wir mit den Kollegen noch einmal intensiv gesprochen und bitten, eine eventuelle Aussage zu entschuldigen”, so Pamperin. Alle Fahrzeuge würden im A-Wagen neben dem WC über jeweils einen “regulären” Stellplatz verfügen. Der könne von Rollstühlen, Kinderwagen oder Fahrrädern genutzt werden. “Eine Mehrfachbelegung hängt von Art und Anzahl der mitgenommenen Fahrzeuge ab, ist aber möglich.” So sei in diesem Bereich beispielsweise die Mitnahme von zwei bis drei Fahrrädern, zwei kleinen Rollstühlen, einem E-Rolli oder einem Kinderwagen machbar. Auch die Rollstuhlrampe befände sich dort.

“Wir haben uns das vor Ort einmal angeschaut und auch mit den Kollegen gesprochen: Lindwedel ist ein Haltepunkt, an dem unsere Züge laut Fahrplan weniger als eine Minute Standzeit haben. Sehr voll ist es dort üblicherweise nicht, sodass die Stellplätze meist noch frei sein dürften”, sagte Pamperin. In Lindwedel sei der Bahnsteig höhengleich zum Fahrzeug, sodass ein Zustieg auch ohne Rampe an jeder Tür möglich sei.

Züge außerhalb des Berufsverkehrs nutzen

Pamperin empfahl für die Zukunft, sich für die gewünschte Fahrt rechtzeitig vorher anzumelden. So könnten Lokführer und Fahrgastbetreuer bereits vorab informiert werden. Eine Anmeldung ist telefonisch unter (05191) 96944-250 möglich oder unter www.erixx.de/service/barrierefrei-reisen/. Wenn man am Bahnsteig steht und der Zug einfährt, solle man die Hand heben und damit zeigen, dass man mitfahren möchte und Hilfe benötige. Und: Nach acht Uhr morgens seien die Züge leerer als im Berufsverkehr.

Probe aufs Exempel läuft gut

Nicht vorbereitet und ohne Anmeldung war der SoVD zum Test vor Ort. Trotzdem packten die Erixx-Mitarbeiter an, um gleich zwei Rollstühle gut zu transportieren. Mit etwas gutem Zureden und kräftigem Anschieben verlief die Fahrt nach Mellendorf und zurück auch im engeren Bereich der Wagen trotz guter Auslastung ohne Probleme. Heiderose Domres, die von ihrem Mann Wolfgang begleitet wurde, pustete erst einmal durch, als sie die Fahrten geschafft hatte. “Aber es war an diesem Tag sehr viel besser”, resümierte die Lindwedelerin, die hofft, dass auch bei ihren kommenden Fahrten alles reibungslos klappen wird. “Ich werde vorher bei Erixx anrufen und mich ankündigen.” In einem halben Jahr werde dann Bilanz mit dem SoVD gezogen. “Wir werden nachschauen”, kündigte Jürgen Hestermann an, der aber erfreut war, dass das Unternehmen jetzt endlich gehandelt habe.

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