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Jetzt ist es “amtlich”: SoVD, Landrat Manfred Ostermann und Politiker kritisieren das Unternehmen - auch größere Kinderwagen betroffen?

Erixx transportiert keine Sonderrollstühle und E-Mobile

Angelika Domres aus Lindwedel ist schockiert: Sie darf trotz eines Testes kürzlich in Soltau mit Erixx nicht mehr mit der Bahn nach Hannover zu ihrem Facharzt. Sovd-Vorsitzender Jürgen Hestermann, rechts auf dem Bild, versteht die Welt nicht mehr. Im Hintergrund der Hodenhagener Burkhard Albert, der auf seinen E-Scooter unbedingt angewiesen ist. Auch er wurde am Bahnhof von Walsrode stehen gelassen. Foto: SoVD
Angelika Domres aus Lindwedel ist schockiert: Sie darf trotz eines Testes kürzlich in Soltau mit Erixx nicht mehr mit der Bahn nach Hannover zu ihrem Facharzt. Sovd-Vorsitzender Jürgen Hestermann, rechts auf dem Bild, versteht die Welt nicht mehr. Im Hintergrund der Hodenhagener Burkhard Albert, der auf seinen E-Scooter unbedingt angewiesen ist. Auch er wurde am Bahnhof von Walsrode stehen gelassen. Foto: SoVD
WALSRODE - 25. Juni 2021 - 18:00 UHR - VON REDAKTION

Manfred Ostermann ist sichtlich sauer. Der Landrat hat gemeinsam mit dem SoVD-Kreisvorstand versucht, mit dem Zugbetreiber Erixx GmbH eine einvernehmliche Lösung zu finden, damit endlich auch körperlich eingeschränkte Menschen mit E-Scooter wieder von der Bahn mitgenommen werden (WZ berichtete mehrfach). Aber trotz hoffnungsvoller Ankündigungen der Bahn höre man aus der Geschäftsleitung des Unternehmens nichts Offizielles mehr, einzig die Information, die Rollifahrerin Heidrun Domres aus Lindwedel erhielt: Erixx will nun offenbar auch keine größeren Kinderwagen mehr in den Zügen transportieren.

Das Problem weite sich damit aus. Hintergrund: Domres muss einmal monatlich zum Arzt nach Hannover fahren, dazu kommen mehrere Fahrten nach Schwarmstedt. Zudem musste ihr Gefährt verlängert werden, weil sie ein Bein ständig hochlagern muss. Die Folge: Ab sofort dürfe sie nicht mehr mitfahren, habe eine Zugbegleiterin zu der Lindwedelerin gesagt.

Auch für die teilweise bereits mehrfach betroffenen E-Scooter-Fahrer aus Hodenhagen und Soltau gibt es keine Erixx-Fahrten mehr, auch wenn diese Fahrzeuge von den Krankenkassen vorgeschrieben sind. “Wir müssen auf die Sicherheit aller Fahrgäste achten”, heiße es immer wieder als Begründung der Bahn. Nur müsse, so der SoVD, aber auch die Frage gestellt werden: “Wo bleibt das Thema Sicherheit, wenn Erixx in Hannover mit überfüllten Wagen startet, weil kurz vorher ein Zug ausgefallen ist?”

SoVD-Kreisvorsitzender Jürgen Hestermann erklärt dazu in einer entsprechenden Mitteilung: “Erixx hat eine Beförderungspflicht für alle Menschen. Und wir haben keine Lust mehr, hingehalten zu werden.” Die Politik sei nun gefordert “einzusteigen”. Und das passiert derzeit: SPD-Bundestagsabgeordneter Lars Klingbeil sei ebenfalls mehr als verärgert über das Verhalten von Erixx. Schon in der Vergangenheit habe er sich an das Unternehmen gewandt, als es ähnliche Fälle gab. Dass nun erneut Menschen mit Behinderung am Bahnsteig zurückgewiesen worden sind, sei ungeheuerlich. “Wenn sie tatsächlich nicht befördert wurden, weil der Zugbegleiterin die Verlegung der Rampe zum Einstieg zu schwer war, empfinde ich diese Haltung als diskriminierend.” Klingbeil habe sich deshalb erneut an das Unternehmen gewandt und um Aufklärung gebeten. “Ich bin auch dem Sozialverband dankbar, dass er an der Sache dran ist. Klar muss sein, dass Menschen mit Behinderung in üblichen Rollstühlen auch durch den Erixx befördert werden müssen. Rollifahrerinnen und -fahrer gehören nicht auf das Abstellgleis”, so Klingbeil.

Gudrun Pieper von der CDU-Landtagsfraktion, die in den nächsten Tagen zu einem Gespräch mit dem SoVD-Kreisverband nach Bad Fallingbostel kommen wird, sagt, dass sie als behindertenpolitische Sprecherin im Landtag entsetzt über die beschriebene Vorgehensweise seitens der Erixx GmbH sei und erinnert daran, dass es eine Beförderungspflicht nach dem Personenbeförderungsgesetz gebe. Auch dürfe niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Das, was praktiziert worden sei, verstoße nicht nur gegen das Grundgesetz, sondern auch gegen die Behindertenrechtskonvention. “Ich habe mich schriftlich an die zuständige Landesbeauftragte Petra Wontorra gewandt, damit solche Fälle nicht noch einmal passieren.”

Erixx-Pressesprecher Björn Pamperin hat Freitagmittag eine Erklärung des Unternehmens abgegeben. Er bedauerte und entschuldigte sich für die Vorfälle und unterschiedlichen Aussagen der Erixx-Mitarbeiter. Bisher habe es aber kein einheitliches Verfahren gegeben, welche Rollstühle mitgenommen werden können und welche nicht. Dank der Hinweise gebe es diese Regelung nun. Da die Züge vor etwa zehn Jahren gebaut wurden und ihre Konstruktion etwa 15 Jahre alt sei, sei Platz für die damals geltende Rollstuhlgröße von 120 mal 70 Zentimeter vorgesehen. Die amtliche Zulassung der Züge zur Mitnahme beschränke sich derzeit auf diese Art von Rollstühlen. Die neuartigen Sonderrollstühle und E-Mobile seien deutlich größer und schwerer. Eine Mitnahme sei nicht zulässig, weil sie nicht ohne Hilfe hinein- und herausgefahren werden könnten, nicht auf die vorgesehenen Stellplätze passten, zu schwer seien und bei einer Notbremsung andere Fahrgäste und die Rollstuhlfahrer selbst gefährdeten und Fluchtwege sowie den Ein- und Ausstieg behinderten. Ein entsprechendes Merkblatt verschaffe Klarheit. Pamperins Tipp: Fahrgäste mit Sonderrollstühlen und größeren E-Mobilen sollten ihren in der Regel zur Verfügung stehenden kleineren “medizinischen” Rollstuhl für Erixx-Fahrten nutzen und sich vor der Fahrt anmelden.

Kommentare

Oliviero - 25.06.2021 - 20:03 Uhr #1
avatar Okay, den letztendlich zulassungstechnischen Grund kann ich nachvollziehen, doch dass dies offensichtlich von Seiten des Unternehmens Erixx zu Lasten der Betroffenen so mangelhaft kommuniziert wird, ist eine Schande! Hoffentlich macht es das nun bald ablösende Eisenbahnverkehrsunternehmen besser...
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