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Ein folgenschwerer Schnitt in Leib und Seele: Pro Familia klärt über Hintergründe und Beratungsmöglichkeiten auf

Genitalverstümmelung ist auch im Heidekreis Thema

Die Arbeitsgruppe FGM will auch die Männer informieren und mit den Mythen rund um die Beschneidung von Mädchen und Frauen aufräumen: Susann Muscas (Stabsstelle Netzwerk Frühe Hilfen), Abir Omer (Referentin, Verein “Wir schaffen das”), Mary Helen Fischer (Pro Familia Soltau), Emma Jover-Garcia (Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe). Es fehlen Dr. Helmut Jäger (Gynäkologe im Ruhestand), Frauke Flöther (Frauen helfen Frauen) und Lena Stabrey (Gesundheitsamt).Foto: Pro Familia
Die Arbeitsgruppe FGM will auch die Männer informieren und mit den Mythen rund um die Beschneidung von Mädchen und Frauen aufräumen: Susann Muscas (Stabsstelle Netzwerk Frühe Hilfen), Abir Omer (Referentin, Verein “Wir schaffen das”), Mary Helen Fischer (Pro Familia Soltau), Emma Jover-Garcia (Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe). Es fehlen Dr. Helmut Jäger (Gynäkologe im Ruhestand), Frauke Flöther (Frauen helfen Frauen) und Lena Stabrey (Gesundheitsamt).Foto: Pro Familia
WALSRODE - 26. Mai 2021 - 22:00 UHR - VON REDAKTION

Unter der Überschrift “Schnitt in Leib und Seele - Verbindungen knüpfen und das Netzwerk im Heidekreis weiter ausbauen, um FGM/C und genitale Gewalt zu enttabuisieren” hatte Pro Familia Soltau zu einem Online-Seminar eingeladen. Zusammen mit der Arbeitsgruppe FGM (Female Genital Mutilation) im Heidekreis, die sich aus Emma Jover-Garcia (Koordinierungsstelle für Migration und Teilhabe im Heidekreis), Susann Muscas (Stabsstelle Netzwerkarbeit Frühe Hilfen im Heidekreis), Dr. Helmut Jäger (Gynäkologe), Frauke Flöther (Frauen helfen Frauen) und Mary Helen Fischer (Pro Familia Soltau) zusammensetzt, wurde über das Thema weibliche Genitalverstümmelung gesprochen.

Dr. Helmut Jäger berichtete aus seinen langjährigen Erfahrungen, die er zum Teil auch in afrikanischen Ländern sammelte. Er erzählte von den Formen der Genitalverstümmelung, den körperlichen und psychischen Folgen für die Frauen und ihren Schwierigkeiten bei Geburten und bei der Sexualität. Seine Erläuterungen, die von erschütternden Bildern begleitet waren, machten deutlich, dass den Betroffenen, die hier leben, geholfen werden sollte. Das könne durch eine gute Vernetzung der Beratungsstellen, die mit den Frauen arbeiten, erfolgen. Wenige wissen, dass erlittene Genitalverstümmelung ein Asylgrund sein kann und dass die Möglichkeit einer medizinischen Behandlung gegeben ist.

Eine kultursensible Beratung, das Wissen um die Probleme der Frauen, kann dabei hilfreich sein, um passende Beratung anzubieten. Die erforderliche asylrechtliche Begutachtung sollte von fachkundigen Mittlerinnen aus der Community begleitet werden.

Abir Omer, die aus dem Sudan stammt, berichtete über die körperlichen Auswirkungen der Genitalverstümmelung für die Frauen. Zahlreiche Beschwerden werden gar nicht mit der Verstümmelung assoziiert, da die Frauen schon als kleine Kinder, zum Teil als Säuglinge, von traditionellen Beschneiderinnen beschnitten wurden. Dabei werden häufig unsterile, scharfe Gegenstände verwendet.

Sie erklärte, dass weibliche Genitalverstümmelung in vielen afrikanischen Gebieten, Ägypten, Indonesien und anderen Ländern verbreitet ist. Die Begründungen reichten von religiösen Geboten über hygienische Maßnahmen bis zum Aberglauben. Häufig würden unbeschnittene Frauen stigmatisiert und fänden keinen sie versorgenden Ehemann. Eine Retraumatisierung durch Wiedervernähung finde nach jeder Geburt statt.

Obwohl FGM/C fast weltweit verboten ist, findet eine Ahndung selten statt. Eine Aufklärung, dass keine Religion Verstümmelung vorschreibt und ebenso keinen Hygienischen Nutzen hat, findet nicht statt. Viele hier lebende Familien halten die Tradition für so wichtig, dass sie in den Ferien in ihre Heimatländer fliegen, um ihre Töchter beschneiden zu lassen - eine rechtswidrige Tat, die eine Bestrafung nach sich ziehen kann.

Eine Fortbildung von Ärzten zum Thema, ebenso von Lehrern, Schulsozialpädagogen und Erziehern wäre wünschenswert. Das ist in weiteren Veranstaltungen der Arbeitsgruppe vorgesehen. Ebenso wäre über den Verein “Wir schaffen das”, den Abir Omer für Migrantinnen gründet, die Möglichkeit der Weiterverbreitung der Beratungsangebote möglich. Eine konkrete Beratung in einem geschützten Raum für die Frauen wäre ebenso hilfreich wie die Beratung der Männer. Sie wissen nämlich häufig nichts über FGM, halten es aber dennoch für wichtig, eine beschnittene Frau zu heiraten. Mit dem Aufräumen der Mythen und mehr Information würde den Frauen und Mädchen schon geholfen sein, so das Fazit der Runde. Das Thema dürfe nicht mehr ausgeblendet werden.

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