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Historische Orgeln im Kirchenkreis Walsrode: Holger Brandt präsentiert das Instrument in der Stellichter Kirche

Klänge mit Charakter

Typisch für die Renaissance: Eine Mittelpfeife mit aufgesetzter Fratze aus Messing.
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Typisch für die Renaissance: Eine Mittelpfeife mit aufgesetzter Fratze aus Messing.
WALSRODE - 18. April 2020 - 10:00 UHR - VON REDAKTION

Wie können Röhren aus Metall und Holz, durch Luft zum Klingen gebracht, eine Faszination ausüben, die einen Musiker ein Leben lang fesseln kann? Wie kommt es, dass das Instrument Orgel regelrechte Fans hat, die Reiselust verspüren, wenn die “richtigen” Komponisten und die “richtige” Orgel in einem Konzert zusammentreffen? Fans, die über eine Schnitger-Orgel begeistert fachsimpeln wie andere über schnelle Autos oder edlen Whisky? Sind es die vielfältigen Klangmöglichkeiten, die einerseits dem Orchester nahe und andererseits doch ganz eigen und unverkennbar sind? Oder ist es der Hauch der Ewigkeit, der in großen, hallenden Kirchen die Musik trägt? Ist es gerade die Unvollkommenheit des Instruments und seines verblüffend einfachen technischen Aufbaus, die in jedem Raum immer wieder zu neuen Lösungen führt, die von jedem Orgelbauer individuell bewältigt wird, die in den unterschiedlichen Epochen zu ganz unterschiedlichen Ausprägungen führt? Macht letztlich also ihre Individualität und “Menschlichkeit” mit Stärken und Schwächen die Orgel so interessant?

In einer Serie möchte Kantor Holger Brandt einige historische Instrumente im Kirchenkreis Walsrode vorstellen und so die Welt der Orgel öffnen - auch für diejenigen, die bisher keinen Bezug dazu hatten.

Als erste historische Orgel im Kirchenkreis muss diejenige in Stellichte genannt werden. Seit 1985 ist sie eine Art Pilgerziel für Ausflugsgruppen und Orgeltouristen. Und das hat seine Gründe: Schon der etwas abgelegene, verträumte Ort mit Gutshaus, alter Wassermühle und neuem Dorfcafé ist einen Ausflug wert. Aber das wirklich außergewöhnliche Erlebnis erwartet diejenigen, die zum ersten Mal die Kirche betreten und sich in einer anderen Welt wiederfinden, denn in der ehemaligen Gutskirche St. Georg-Christophorus-Jodokus ist die Zeit seit 400 Jahren stehen geblieben, die gesamte Ausstattung des 17. Jahrhunderts wurde erhalten.

Dietrich von Behr hat das Gotteshaus von 1608 bis 1610 als Grablege für seine früh verstorbene Frau Elise Magdalene erbauen lassen und dafür Künstler höchsten Ranges gewinnen können. Neben Altar, Epitaphen und Taufbecken in vollendeter italienischer Renaissance fällt die Orgel sofort ins Auge, wie sie stolz mit eigener, kleiner Empore in den Raum hineinragt. Eine besondere Plastizität verleihen ihr die Rund- und Spitztürme und vor allem die leichte Wölbung des Gehäuses. Auf diese Weise beschreitet sie schon - weg von einer flächigen Anordnung - den Weg in den Frühbarock. Auch klanglich ordnet die Fachwelt sie dieser Epoche zu.

Die nasal-eigenartige “Quintadena”, die intensiven Flöten, die alles durchdringend scharfe Mixtur, das ordinär schnarrende “Regal” - die unterschiedlichen Register (Pfeifenreihen mit spezifischer Klangfarbe) sind in ihren Charakteren wirklich eigenwillig und geradezu extrem, dabei aber besonders ansprechend und anrührend, ganz ähnlich wie die vielen Figuren in der Kirche, die nicht unbedingt als Schönheiten, wohl aber mit besonderen Merkmalen ins Auge fallen. So kann man sagen, dass die Orgel im klanglichen Sinn eine besondere Farbigkeit besitzt wie die Kirche im optischen Sinn.

In der bunten Welt des Frühbarocks sind auch Spielereien zuhause, wie beispielsweise in Stellichte der Zimbelstern, der sich in den Weihnachtsgottesdiensten sichtbar dreht und mit seinen Glöckchen der Musik ein spezielles Glitzern aufsetzt. Leider haben von dieser Orgel nur das prächtige Gehäuse und die in der Front sichtbaren “Prospektpfeifen” mit ihren aufgesetzten bunten Fratzen die vier Jahrhunderte seit der Erbauung überdauert. Aber das Innenwerk mit elf weiteren Registern wurde vom “Orgelpapst” Jürgen Ahrend aus Leer 1985 mustergültig rekonstruiert. Damit hat die Kirchengemeinde Walsrode, der die Kirche 1975 übertragen wurde, ein herausragendes Zeugnis der frühen norddeutschen Orgelkultur wiedererstehen lassen.

Motiviert durch die außergewöhnliche Klanglichkeit der Stellichter Orgel hat Holger Brandt 2018 eine CD an dem Instrument aufgenommen, die in den Walsroder Buchhandlungen und im Alten Rathaus erhältlich ist.

Holger Brandt

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