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Verein Walsroder Tafel braucht dringend Unterstützung / Ehrenamtliche engagieren sich für bedürftige Menschen

Mehr Helfer wären das schönste Geschenk

Drei “Engel” für Bedürftige: Die Vorsitzende Ursula Büch, Gisela Kastenschmidt (oben, von links) und Roswitha Tober (unten, linkes Bild) engagieren sich für den Verein Walsroder Tafel. Traditionell mit dabei auf der Weihnachtsfeier: Willi Rübke und Eckhard Christiani (unten rechts, von links). Die Musiker kamen mit ihrer Musik besonders bei den jüngsten Besuchern gut an. mä (4)
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Drei “Engel” für Bedürftige: Die Vorsitzende Ursula Büch, Gisela Kastenschmidt (oben, von links) und Roswitha Tober (unten, linkes Bild) engagieren sich für den Verein Walsroder Tafel. Traditionell mit dabei auf der Weihnachtsfeier: Willi Rübke und Eckhard Christiani (unten rechts, von links). Die Musiker kamen mit ihrer Musik besonders bei den jüngsten Besuchern gut an. mä (4)
WALSRODE - 03. Januar 2019 - 22:00 UHR - VON MäRIT HEUER

Die Bürotür ist weit geöffnet. Das ist sie immer; auch, wenn nicht alle Menschen mit Geduld und Dankbarkeit eintreten - oder gar anklopfen. Gerade stürmt eine wütende Mutter in den Raum. Wild gestikulierend beschwert sie sich darüber, dass sie und ihre drei Kinder draußen vor dem “mittendrin” warten müssen. Im Regen, denn der Pavillon, den die Mitglieder der Walsroder Tafel vor der Tür des Kulturzentrums aufgestellt haben, ist schon voll mit bedürftigen Menschen, die die letzte Lebensmittel- und Kleiderausgabe des Jahres nutzen und die Weihnachtsfeier besuchen wollen, die die Tafel Jahr für Jahr im selben Zug anbietet.

Warum andere schon ins Haus dürften, sie aber mit ihren Kindern anstehen müsse, echauffiert sich die Frau im Büro von Ursula Büch. Die hört sich die Beschwerde ruhig an, gibt zu bedenken, dass alle Anstehenden dasselbe Recht hätten, dass der Bedarf groß und der vorhandene Platz gering sei. Mit verrauchendem Zorn zieht die junge Mutter schließlich von dannen - und schon steht wieder jemand im Türrahmen.

Ursula Büch hat kaum Zeit, zwischen den Besuchern durchzuatmen, die Geschenke für ihre Kinder abholen, Fragen stellen oder beichten wollen, dass sie ihren Bedürftigenausweis zu Hause vergessen haben. Die Vorsitzende des Tafelvereins nimmt sich mit einer Engelsgeduld für alle Anliegen Zeit, verliert nie die Fassung oder wird laut. Wenn es sein muss, gibt sie bestimmt, aber höflich kontra - und widmet sich dem nächsten Kunden. Nicht alle sprechen Deutsch, manchmal muss Büch etwas rätselraten, um den Menschen zu helfen. Aber am Ende sind sie alle weiter.

Nur nicht die Mitglieder der Walsroder Tafel selbst. Für sie wäre mehr Unterstützung das schönste Weihnachtsgeschenk. Es mangelt dem Verein an Helfern, aber auch an finanziellen Zuwendungen. Viele Spenden gingen dieser Tage an das neu gebaute Hospizhaus in Dorfmark - “und das ist natürlich eine wichtige Einrichtung”, will Büch dem Haus die Notwendigkeit der Gelder keinesfalls absprechen. Dennoch: Zuwendungen für die Walsroder Tafel seien rückläufig. Dabei sind viele auf sie angewiesen.

Zwischen 100 und 150 Menschen besuchen allein an diesem Tag die Ausgabestelle des Vereins in Walsrode. Jeden Freitag steht ein Team aus Ehrenamtlichen bereit - und natürlich auch davor und danach. Kleidung will sortiert, Essen geputzt, aufbereitet und auseinandergefahren werden. Um den Jahreswechsel herum ist es noch ein wenig stressiger: Schließlich muss alles “raus”, was zwischen der letzten Ausgabe und der ersten im Neuen Jahr schlecht werden könnte - dazu kommt die Weihnachtsfeier.

Rund 15 Leute bilden den “harten Kern” der Helfer, die Würstchen und Kartoffelsalat, Kaffee und Kuchen an die Bedürftigen ausgeben. Ursula Büch hat im Vorfeld der Veranstaltung gehofft, dass noch 15 weitere Helfer kommen; leider ist das nicht der Fall. Und trotzdem müssen neben der Feier die reguläre Ausgabe gestemmt, der Einlass kontrolliert und der Tisch mit Kinderspielzeug im Obergeschoss beaufsichtigt werden, an dem sich heute jeder etwas mitnehmen darf. Daneben steht Roswitha Tober.

“Ich mache das jetzt seit acht Jahren. Aber heute war alles so schnell weg - ich kam gar nicht hinterher”, bedauert die Ehrenamtliche aus dem Vorstand der Tafel, dass sich einige Menschen alles andere als bescheiden geben. “Da wird gerafft, was man tragen kann, und weg sind sie.” Bergeweise Stofftiere, Spiele und Bücher haben innerhalb weniger Minuten den Besitzer gewechselt. “Nächstes Jahr muss es der Reihe nach gehen. Es können sich nicht alle gleichzeitig darauf stürzen.” Tober wirkt sichtlich erschöpft - so eine Weihnachtsfeier schlaucht mit so wenig Personal. Vor allem, wenn eben jenes zumeist aus Rentnern besteht, die zwar mit Herzblut dabei, körperlich aber oft nicht mehr in der Lage sind, schwer zu tragen.

Und das ist bei den Kisten an Lebensmitteln, die bei der Tafel über den Tisch gehen, keine Seltenheit. “Das ist manchmal richtige Schwerstarbeit”, sagt Ursula Büch. “Wir brauchen dringend mehr Männer.” Gerade über die Feiertage haben sich viele Tafelmitglieder Urlaub genommen, einige sind krankheitsbedingt ausgefallen. Einer der engagiertesten Helfer, Michael Engling, ist im vergangenen Jahr verstorben und hinterließ ein großes Loch - nicht nur die Arbeit betreffend, sondern vor allem auch menschlich, denn man kennt und schätzt sich im Team der Walsroder Tafel.

Gisela Kastenschmidt gehört ebenfalls dazu. Auch für sie hat der Tag früh begonnen. Kurz lässt sie sich neben Ursula Büch im Büro nieder, um zu verschnaufen. “Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen”, fällt der sympathischen Dame mit dem Engelsschmuck auf dem Kopf bei einem Blick auf die Wanduhr ein. “Ich auch nicht”, gibt Büch zu - und Kastenschmidt fügt lachend an: “Das ist unser Diättag.” Ihre gute Laune lassen sich die beiden nicht nehmen - dabei hätten sie allen Grund für tiefe Sorgenfalten. Denn ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Vereins kam die Hiobsbotschaft über die Kündigung wichtiger Räumlichkeiten im Umfeld des “mittendrin”, indem die Tafel unter anderem ein Kühlhaus, eine Kleiderkammer und einen kleinen Laden betreibt. Ursula Büch hofft auf die Unterstützung der Walsroder Bürgermeisterin: “Ich vertraue auf Frau Spöring und warte.”

Bei der Weihnachtsfeier ist von den Sorgen des Vereins aber nach Außen hin nichts zu spüren. Die Mitglieder strahlen Feierlichkeit und Freude aus - für diejenigen, die auf sie angewiesen sind. Es wäre den Ehrenamtlichen eine große Hilfe, wenn sich im Neuen Jahr mehr Menschen für die Tafel engagieren würden. “Natürlich ist es schwer, auf einem Freitag Leute zu mobilisieren”, weiß Gisela Kastenschmidt um die schwierige Zeitspanne der Ausgaben. “Für viele geht das erst ab der Rente - oder wenn man arbeitslos ist.” Das wichtigste Instrument sei Mundpropaganda: Wer jemanden kenne, der bei der Tafel arbeite, wisse um den Wert dieser mitmenschlichen Tätigkeit.

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