Lokales

/lokales/schuldfrage-sollte-nicht-thematisiert-werden_10_111649063-21-.html/ / 1

Neue Fakten zum Gedenkstein für 62 KZ-Tote an der Heidebahn aufgetaucht

Schuldfrage sollte nicht thematisiert werden

Das Granitkreuz für die 62 KZ-Toten auf dem Neuen Friedhof in Schneverdingen.red
Das Granitkreuz für die 62 KZ-Toten auf dem Neuen Friedhof in Schneverdingen.red
SCHNEVERDINGEN - 18. Januar 2019 - 09:00 UHR - VON REDAKTION

Bei den Recherchen zu den 62 unbekannten KZ-Toten, die auf dem Schneverdinger “Neuen Friedhof” 1945 beigesetzt wurden, sind neue Dokumente aufgetaucht. Darauf weist der Ratsvorsitzende der Stadt Schneverdingen, Dieter Möhrmann, hin. Daraus ergibt sich, dass es schon nach Kriegsende dort einen von den Briten angeordneten Gedenkstein gab. Er trug die Inschrift: “Hier liegen die Überreste von 62 unbekannten Menschen, für deren Tod Deutschland verantwortlich ist.”

Dieser Stein wurde entfernt und 1957 zunächst durch ein einfaches Granitkreuz ohne Inschrift und später auf Weisung der damaligen Bezirksregierung mit der heute noch vorhandenen Beschriftung “1945 Herr erbarme dich 62 unbekannte KZ-Tote” ersetzt. Dies war bisher nicht bekannt.

Die neuen Fakten kamen ans Tageslicht, weil in einer aktuellen Doktorarbeit, “Gewalt und Erinnerung im ländlichen Raum - Die deutsche Bevölkerung und die Todesmärsche” von Martin Clemens Winter, Schneverdingen wegen der ursprünglichen Inschrift des Gedenksteins zu unrecht lobend erwähnt wurde. Beim Forschen im Stadtarchiv und beim “International Tracing Service” (ITS), der Unterlagen aus den Konzentrationslagern und die Dokumente der Militärregierungen nach dem Zweiten Weltkrieg gesammelt hat, fanden sich entsprechende Schriftstücke.

Es ergeben sich auch Hinweise auf die Motive, die die damalige Gemeindeverwaltung dazu bewogen hatten, den Stein zu entfernen und durch ein “neutrales” Kreuz zu ersetzen. In einem Vermerk (ohne Datumsangabe) ist zu lesen: “Dieser schmachvolle, verletzende und kränkende Gedenkstein wurde entfernt und durch einen neuen ersetzt.” Auch die Kirchengemeinde, die einen entsprechenden Vorschlag gemacht hatte, äußert sich mit ähnlicher Diktion: “Es ist verständlich, dass die Einwohner eine entehrende Erinnerung mit diesen Gräbern verbinden. Es kann mancher ehrenhafte Mann und mancher Christ, der um des Glaubens willen ins KZ gekommen ist, unter ihnen ruhen.” Die Schuldfrage und die Verantwortlichkeit sollten nicht erörtert werden; verantwortlich war das Nazi-Regime, mit dem man nichts zu tun hatte. Dabei hatten Schneverdinger Nazi-Größen und die Ortsfrauenschaft auf Anordnung der Engländer das ursprünglich direkt an der Heidebahn liegende Massengrab der KZ-Toten aus einem Güterzug öffnen und die Toten dann einzeln auf dem Neuen Friedhof bestatten lassen.

Erst die Ausstrahlung des amerikanischen Films “Holocaust” 1979 im deutschen Fernsehen und im Jahr 1985 die Rede des Bundespräsidenten von Weizsäcker zum “40. Jahrestag der Befreiung”, wie er es nannte, öffnete eine offene Diskussion auch in Schneverdingen. So entstand nach einer Ausstellung und einer Veranstaltungsreihe mit teilweise kontrovers ausgetauschten Meinungen im Theeshof auch das jetzt wieder neu aufgelegte Buch “Nur Gott der Herr kennt ihre Namen” über die KZ-Züge auf der Heidebahn.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.
Diese Beitragsdiskussion wird moderiert. Die Redaktion behält sich das Recht vor, eingereichte Kommentare zu löschen, wenn diese gegen den Verhaltenscodex verstoßen. Ihr Kommentar sowie Ihr vollständiger Name werden in der Beitragsdiskussion veröffentlicht. Einzelne Kommentare können zur Veröffentlichung in der Walsroder Zeitung verwendet werden.
Lesen, was gefragt ist. Wissen, was gemeint ist.
Mit WZ+ die volle Artikelvielfalt erleben. Von Heidjern, für Heidjer.