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AWO feiert 100. Geburtstag: Von der Armenpflege zur modern Fürsorgegesetzgebung

“Selbsthilfe der Arbeiterschaft”

Gründerin der Arbeiterwohlfahrt: Sozialdemokratin Marie Juchacz.Foto: red
Gründerin der Arbeiterwohlfahrt: Sozialdemokratin Marie Juchacz.Foto: red
SCHNEVERDINGEN - 24. August 2019 - 05:00 UHR - VON REDAKTION

Am 13. Dezember 1919 gründete die Sozialdemokratin Marie Juchacz mit Zustimmung des SPD-Parteiausschusses den “Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt” in Berlin. Auch im Heidekreis wird der 100. Geburtstag der Organisation gefeiert - am 8. September in Schneverdingen im Walter-Peters-Park. Zum Auftakt gibt es an dieser Stelle einen Rückblick auf die Geschichte der AWO.

Juchacz war zu einer Zeit politisch engagiert, in der Frauen Politik gänzlich verboten war. Sie kämpfte stellvertretend für alle Frauen in diesem Land für Gleichberechtigung, Solidarität und Gerechtigkeit. Sie war Sozialreformerin und Frauenrechtlerin und als solche unter anderem Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht. Nach der Einführung des passiven Wahlrechts hielt sie am 19. Februar 1919 als erste Frau eine Rede in der Weimarer Nationalversammlung.

Die AWO wurde mit dem Ziel gegründet, der Not vorzubeugen, Wohlfahrtsleistungen zu verbessern und moderne sozialpädagogische Methoden anzuwenden — die öffentliche “Armenpflege” der Kaiserzeit sollte schrittweise durch eine moderne Fürsorgegesetzgebung überwunden werden. Die AWO hat Nähstuben, Werkstätten, Beratungsstellen und Mittagstische angeboten. Friedrich Ebert, der erste deutsche Reichspräsident, gibt dem jungen Wohlfahrtsverband das Motto auf den Weg: “Arbeiterwohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft.”

Mit den Nationalsozialisten kommt das vorläufige Aus für die AWO. Wenige Wochen nach Hitlers Machtergreifung wird sie verboten. Zahlreiche Mitglieder müssen angesichts der drohenden Verfolgung Deutschland verlassen; andere werden systematisch verfolgt und umgebracht. Marie Juchacz flieht und findet in den USA Zuflucht. 1949 kehrt sie nach Deutschland zurück und wird AWO-Ehrenvorsitzende. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erwacht auch die AWO zu neuem Leben. Bereits 1946 wird sie in Hannover als parteipolitisch und konfessionell unabhängiger und selbständige Organisation neu gegründet, während die DDR eine Neugründung unterbindet. 1990 - ein Jahr nach dem Mauerfall - erklären dann auch die neuen Landesverbände der Arbeiterwohlfahrt in den östlichen Bundesländern ihre Mitgliedschaft im Bundesverband.

Die AWO-Helfer im Westen kümmern sich mit der Verteilung von Hilfspaketen um Evakuierte, Flüchtlinge und Heimkehrer sowie um alte und einsame Menschen. Die AWO bietet Kindererholungszeiten, Nähstuben und Kurse in Hauswirtschaft und Mütterbildung an. In den 1950er werden Kindergärten und Horte eingerichtet. Volksküchen geben Mahlzeiten an bedürftige Kinder aus. Die AWO-Schwesternschaft wird ins Leben gerufen.

Die AWO hat sich seit ihrer historischen Gründung als Selbsthilfeorganisation weiterentwickelt zu einem modernen Dienstleister mit vielen unterschiedlichen sozialen Angeboten. Heute ist sie ein unabhängiger Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege, eine Stütze des Sozialstaats. Die Motive der Gründungszeit 1919 haben allerdings nichts an Aktualität verloren. Dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft verpflichtet sich die Arbeiterwohlfahrt heute wir vor 100 Jahren, damit alle Menschen frei, gleich, gerecht, tolerant und solidarisch leben können.

Die AWO hat sich zu einem modernen Dienstleister entwickelt, der bundesweit von 335.000 Mitgliedern, 66.000 ehrenamtlich engagierten Helfenden sowie 215.000 hauptamtlichen Mitarbeitenden getragen wird. 1947 wurde in Soltau ein Kreisausschuss der Arbeiterwohlfahrt gegründet; in den Folgejahren die Verbände Munster, Wietzendorf und Schneverdingen. Im Zuge der kommunalen Verwaltungsgebietsreform wurden die Altkreisverbände Fallingbostel und Soltau 1995 zum Kreisverband Soltau-Fallingbostel zusammengelegt. Heute umfasst der AWO-Kreisverband Heidekreis acht Ortsvereine mit rund 600 Mitgliedern.

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