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Serie “40 Jahre Lebensberatungsstelle” in Walsrode - heute: Kinder und Jugendliche in der Beratungsstelle

Sich verstanden und richtig fühlen

Behutsam dem Problem näher kommen: Wenn es mit Worten (noch) nicht klappt; hilft vielleicht das Stofftier.Foto: Pixabay
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Behutsam dem Problem näher kommen: Wenn es mit Worten (noch) nicht klappt; hilft vielleicht das Stofftier.Foto: Pixabay
WALSRODE - 29. März 2021 - 22:00 UHR - VON REDAKTION

Seit über zehn Jahren arbeite ich in der Lebensberatungsstelle in Walsrode. Einen großen und mir sehr wichtigen Teil meiner Arbeit stellen die Beratungen von Kindern und Jugendlichen dar. Hierbei sind die Grenzen zwischen Beratung und therapeutischem Arbeiten oft fliesend. Einige Kinder kommen nur kurz, für ein bis fünf Termine, andere bleiben etwas länger. Viele kommen einzeln, manchmal kommen Geschwister gemeinsam, und immer mal wieder finden Gruppensettings zu bestimmten Themen statt. Manchmal sprechen wir “nur”, manchmal nutzen wir kreative Medien und manchmal spielen wir. Ich würde sagen, manchmal bleiben wir eher “an der Oberfläche” und manchmal “geht es tiefer”.

So wie bei Erwachsenen auch, ist es meiner Ansicht nach auch bei Jugendlichen und Kindern als wohl wichtigstes Ziel zu sehen, dass sie sich selbst besser verstehen lernen. Ganz gleich, womit das Kind und ich uns während einer Beratungsstunde beschäftigen, meine Hauptabsicht ist immer dieselbe. Mein Ziel ist es, dem Kind zu helfen, seine Gefühle zu spüren und einsortieren zu können. Je nach Alter des Kindes/Jugendlichen, gehört eine Verbalisierung und Reflexion dazu. Man könnte dann davon sprechen, dass ein therapeutisches Ziel sein kann, Gefühle zu Worten werden zu lassen. Je jünger das Kind ist, umso weniger ist dieser Teil allerdings in meiner Arbeit präsent. Das Spielen ist dann die Sprache der Kinder.

Gerade kleine Kinder müssen ihre Einsichten und Entdeckungen nicht unbedingt verbalisieren. Das Spiel an sich ist dann schon eine Form von Selbsttherapie, mit deren Hilfe ein Kind oft Verwirrung, Ängste und Konflikte durcharbeitet. Es kann in einer sicheren Umgebung, wie unserer Beratungsstunde, auf seine Weise neue Formen des “Seins” oder auch von Konfliktlösungen ausprobieren. Es ist hierbei meine Aufgabe, Methoden anzubieten, durch die wir, bildlich gesprochen, Türen und Fenster zur inneren Welt des Kindes öffnen können. Ich versuche dem Kind Möglichkeiten zu geben, Gefühle und Ängste zu äußern, mit mir gemeinsam das an die “Oberfläche” gebrachte zu bearbeiten.

Mit Interpretationen bin ich hierbei sehr vorsichtig, ich versuche eher das, was ich sehe und höre zu beschreiben, zu benennen und mit dem Kind darüber in Kontakt zu treten. Die therapeutische Arbeit mit Kindern ist ein sanfter, fließender Prozess. Ständig bewegen wir uns in einem Feld, in dem ich einerseits die Stunde lenke und leite und andererseits dem Kind folge. Hierbei geht es für mich besonders darum, was zwischen uns beiden passiert, ganz unabhängig davon, was wir tun. Ich plane deshalb keine Stunden, ich beobachte, was passiert.

Wie spielt es, wie nähert es sich den Spielsachen, was wählt es aus? Hat es Schwierigkeiten, die Spielsachen zu wechseln oder wechselt es ständig von einer Sache zur anderen? Wovon handelt das Spiel inhaltlich? Am stärksten im Blick habe ich aber die Kontaktfähigkeit des Kindes. Habe ich, während es spielt, das Gefühl, Kontakt zu ihm zu haben? Ist es in sein Spiel vertieft? Bezieht es mich in sein Spiel mit ein? Gibt es Blickkontakt? Spielen wir gemeinsam? Manchmal benenne ich etwas, um dem Kind zu helfen, sich seines Prozesses und seiner Beziehung zum Spiel gewahr zu werden. Manchmal bitte ich das Kind, an bestimmten Punkten, das, was es gerade getan hat, zu wiederholen, zu betonen oder zu übertreiben. Ich kann die Aufmerksamkeit des Kindes aber auch auf Gefühle, die im Spiel zum Ausdruck kommen, lenken. Beispiel: “Diese Vaterpuppe klingt aber wirklich so, als ob sie böse auf den Jungen ist.”

Schließlich stelle ich eine Verbindung her zwischen der gespielten Situation und dem Leben des Kindes: “Fühlst du dich manchmal wie dieser Affe?” So kommen wir oft zum Ende der Stunde kurz ins Sprechen, teilweise reicht aber auch ein kurzes Nicken und ein sich verstanden fühlen. Denn um das sich verstanden fühlen geht es zu großen Teilen, sich verstanden, angenommen und richtig zu fühlen. Es ist deshalb notwendig, sich vor allem in die Gefühle des Kindes, weniger in sein Verhalten einzufühlen, das Kind wirklich kennenzulernen, ihm zuzuhören, es zu verstehen und zu akzeptieren. Auch geht es quasi permanent ums “spiegeln” der Gefühle des Kindes, mit der Idee: Spiegelt man ihm seine Gefühle, wird es selbst sie besser kennen - und akzeptieren lernen.

Meiner Meinung nach geht es aber hauptsächlich darum, wirklich interessiert zu sein, wer das Kind (der Mensch) ist. Hinsehen! Hinhören! Und mit Abstand am wichtigsten ist, das Kind ernstzunehmen. Ernst nehmen, wie es dem Kind geht, wo seine Not ist. Nicht wir anderen, wir Erwachsenen (Eltern, Lehrer, Therapeuten, Berater) wissen, wie es richtig geht, wie das Kind richtig wäre. Wir sind oft zu schnell im Leben mit Meinungen, Interpretationen und Wertungen und leider besonders oft bei Kindern. Wir denken, dass wir wissen, wie es dem Kind geht und was es braucht. Ich finde, wir sind dann oft zu schnell, hören nicht wirklich hin. Kinder haben dem noch weniger als Erwachsene entgegenzusetzen, sie sind dem noch stärker ausgeliefert. Gerade deshalb liegt mir diese Arbeit so am Herzen.

Martina von der Brelie

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