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Private Initiative am Bad Fallingbosteler Bahnhof nimmt ukrainische Flüchtende in Empfang - und füllt damit ein Vakuum.

Sie wollen nur eines: “Helfen, helfen, helfen”

Julia und Kristina mit ihren Kindern und einem der ersten Helfer am Bad Fallingbosteler Bahnhof, Matthias Knief. Fotos: Hillmann
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Julia und Kristina mit ihren Kindern und einem der ersten Helfer am Bad Fallingbosteler Bahnhof, Matthias Knief. Fotos: Hillmann
BAD FALLINGBOSTEL - 14. März 2022 - 16:15 UHR - VON ROLF HILLMANN

Am Montagnachmittag ist der Himmel grau und wolkenverhangen über Bad Fallingbostel. Nach Tagen hellen Sonnenscheins und blauen Himmels regnet es. Als die Türen des Regionalzuges aufgehen, betreten Julia aus Kiew mit ihren zwei Kindern (zwei und neun Jahre alt) und Kristina aus Odessa, ihre Kinder sind zwei und fünf, unsicher den Bahnsteig. Die eine ist seit dem 5., die andere seit dem 10. März unterwegs. Sie haben ihre Heimat verlassen, um vor dem Putin-Krieg zu fliehen und ihr Leben, besonders aber das ihrer Kinder zu retten.

Auf dem Bahnhofsgelände werden sie von freundlichen Ehrenamtlichen begrüßt. Auf Tischen unter dem transparenten Glasdach der Fahrradständer sind Lebensmittel aufgebaut. Süßigkeiten, aber auch heiße Suppe und natürlich Getränke. Seit vergangenem Mittwoch, als die ersten Geflüchteten auf dem Bahnhof in Bad Fallingbostel strandeten, treffen sich hier jeden Tag Bürgerinnen und Bürger, die nur eines wollen: “Helfen, helfen, helfen”, wie es Matthias Knief formuliert. Er war einer der ersten, der sich in seinen Transporter setzte, zum Bahnhof fuhr und die Menschen in Empfang nahm.

Whatsapp-Gruppe mit 72 Kontakten

Mittlerweile gibt es 72 Kontakte in der eigens dafür eingerichteten WhatsApp-Gruppe. Jeder, der Zeit hat, kommt zum Bahnhof, um seine Hilfe zur Verfügung zu stellen. Die Stadt Bad Fallingbostel hat eine Hütte aufgestellt, die einem irgendwie vom Weihnachtsmarkt bekannt vorkommt. Etwas abseits steht ein Dixie-Klo. Die “Kiosk-Hütte” ist ebenfalls vollgestellt mit Lebensmitteln und Hilfsgütern. Schon nach wenigen Augenblicken wird deutlich: Aus dem Stegreif ist hier auf bewundernswerte Weise ein zentraler Anlaufpunkt für Hilfesuchende entstanden.

Zum harten Kern der Gruppe gehören auch Alex Sanchez, er hat spanische Wurzeln, und seine Partnerin Elena Alkona, die aus der Ukraine stammt und jede freie Minute als Dolmetscherin fungiert. Und auch Elias Challal gehört zu denen, die jede Minute opfern, um am Bahnhof zu sein. Von morgens um 9 bis nachts um 1 Uhr beziehen sie dort ihren Posten, warten geduldig auf jeden Zug, der neue ukrainische Geflüchtete bringt. “Egal, was von den Menschen gebraucht wird, wir organisieren es”, sagt Matthias Knief.

Unerwartete Schwierigkeiten

Heute gab es nach vielen Irrungen und Wirrungen des Aufnahme- und Organisationsprozederes wieder unerwartete Schwierigkeiten. Bislang endeten die privat organisierten Transferdienste an Tor 4 im Camp West in Bad Fallingbostel. Dort konnten die Geflüchteten das Aufnahmezentrum betreten. Doch das Tor war plötzlich geschlossen - und guter Rat teuer. Es dauerte eine Weile, bis herausgefunden werden konnte, dass die ukrainischen Geflüchteten jetzt an Tor 24 im Camp Ost Aufnahme finden würden.

Für Irritation sorgten unter den Ehrenamtlichen auch “weiße Zettel aus Berlin”, mit denen die ukrainischen Frauen und Kinder in Bad Fallingbostel ankamen, und “rote Passierscheine”. Aber das habe sich zwischenzeitlich geklärt. Mit den “weißen Zetteln” können die Menschen quasi im Ankunftszentrum einchecken, mit den roten Passierscheinen dürfen sie es verlassen und wieder betreten.

Es wirkt alles irgendwie chaotisch

André und Ricarda sind mit ihrem kleinen Kind am Bahnhof angekommen. Sie sind Deutsche, wohnen in Krelingen - und wollen helfen. Sie bieten Wohnraum an, könnten zwei Erwachsene und ein, zwei Kinder aufnehmen. So wie sie kommen ständig Leute aus der Vogelpark-Region, um dieser ehrenamtlichen, spontanen Hilfsorganisation mit Zimmern, Wohnungen und sogar ganzen Häusern weiterzuhelfen. Trotz der Bemühungen, der Unterstützung und auch der Ruhe, die die Helferinnen und Helfer vor Ort bewahren - es wirkt alles noch irgendwie chaotisch. Und da fällt dann dieser Satz, der nachdenken lässt. “Aus 2015 hätte man viel lernen können. Aber gelernt wurde nichts.” Diese Kritik geht offensichtlich Richtung Behörden.

Grund für dieses “Chaos” ist der Ratsbeschluss der EU-Innenminister vom 4. März. Dieser Beschluss lässt erstmalig die so genannte Massenzustrom-Richtlinie zur Anwendung kommen. Grundsätzlich ist das eine große humanitäre Hilfe, die damit ermöglicht wird. Denn so wurde in der gesamten Europäischen Union der Weg frei für die Erteilung eines humanitären Aufenthaltstitels für Geflüchtete aus der Ukraine, ohne dass diese zuvor ein Asylverfahren durchlaufen müssen. In der Folge haben Schutzsuchende aus der Ukraine europaweit Zugang zu Arbeit, Bildung sowie Sozialleistungen und medizinischer Versorgung.

Zuständigkeits-Wirrwarr

Problem nur: Das Ankunftszentrum in Bad Fallingbostel ist eigentlich nur für Asylbegehrende zuständig und damit nach nicht beteiligt an dem neuen Verfahren. Dennoch befinden sich rund 600 Ukrainerinnen und Ukrainer bereits in der Einrichtung West - und seit gestern auch in Ost. Die eigentliche Zuständigkeit liegt aber bei den Kommunen. Die stehen vor einer großen Herausforderung. Für sie sind es Neuland und ungeübte Abläufe.

In diesem Vakuum leisten die privaten Helfer eine unersetzbare Hilfe - auch bei der Koordinierung von privaten Unterkünften. Auf die Frage, wie aktuell geholfen werden kann, sagen die Helfer am Bad Fallingbosteler Bahnhof: “Wir brauchen Übersetzer, also Dolmetscher, aber nicht nur hier, sondern überall, wo die ukrainischen Menschen die drängenden Fragen ihrer nahen Zukunft klären müssen.” Was fehle, seien auch noch Unterkünfte. Wer Wohnungen und Zimmer bereitstellen möchte, sollte direkt zum Bahnhof fahren und mit den Helferinnen und Helfern sprechen. Ihre Telefonnummern möchten sie nicht so gerne in der Zeitung lesen.

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