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Die WZ hat Zustellerin Margret Fricke am Donnerstagmorgen auf ihrer Tour bei Schnee und Kälte begleitet

So kommt die Zeitung auch im Schneechaos an

Statt Fahrrad: Momentan dreht Margret Fricke ihre Runde mit dem Schlitten, das dauert länger, ist aber sicherer.
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Statt Fahrrad: Momentan dreht Margret Fricke ihre Runde mit dem Schlitten, das dauert länger, ist aber sicherer.
ESSEL - 11. Februar 2021 - 11:39 UHR - VON JOHANNA SCHEELE

Es ist definitiv nicht das beste Wetter, um Zeitungen zu verteilen. Die Straßen sind noch von Schnee bedeckt, das Gesicht rötet sich schnell bei den Minusgraden, und zwischendurch ist es gefährlich glatt. Margret Fricke steht trotzdem um 3.30 Uhr vor der Haustür. Ihr Arbeitstag beginnt. Heute hat sie Unterstützung: WZ-Volontärin Johanna Scheele begleitet sie auf ihrer Tour durch Essel - und weiß am Ende: Ohne den beeindruckenden Einsatz der Zustellerin und ihrer zahlreichen Kolleginnen und Kollegen würde es ein Lesevergnügen in der Printversion nicht geben.

Mit einem Ruck hievt Margret Fricke die blaue Plastikbox auf ihren Holzschlitten. Davor klemmt sie einen Stapel “Wochenspiegel am Donnerstag”. Donnerstags sind es nicht nur die rund hundert Ausgaben der Walsroder Zeitung, die sie in Briefkästen und Zeitungsröhren in Essel steckt, auch über 200 “WoDos”, wie Fricke sagt, müssen verteilt werden.

“Bist du motiviert?” Ich, die als Volontärin normalerweise erst gegen 9 Uhr in der Redaktion auftaucht, nicke tapfer. Obwohl der Wecker um 2.15 Uhr geklingelt hat, fühle ich mich relativ munter. “Wenn wir nun hier schon zusammen durch die Nacht laufen, können wir uns auch duzen, oder? Ich bin die Margret.”

Fricke schaltet ihre Kopftaschenlampe ein, macht ihre Warnweste vor dem Bauch zu und zieht ihren Schlitten runter von ihrer Einfahrt und rauf auf die verschneiten Straßen. Von der Teerstraße, die sich vermutlich unter dem Weiß verbirgt, ist nichts zu sehen. Gleich vor dem Nachbarhaus bleibt sie stehen. Routiniert zieht sie eine Zeitung aus dem Stapel, rollt sie leicht ein und versenkt sie in der Zeitungsröhre.

Ans Aufhören denkt Fricke nicht

Seit 2006 verteilt sie schon von montags bis sonnabends in der Ortschaft die Zeitungen. “Bevor die Kinder da waren, habe ich das auch schon gemacht”, setzt Margret Fricke sogar noch einen drauf. Als ihre Kinder dann aus dem “Gröbsten” raus waren, wollte sie zurück in ihren alten Beruf, wurde später aber arbeitslos.

Als sie vor 15 Jahren gesehen hat, dass die WZ in Essel wieder Austräger sucht, hat sie nicht lange gezögert. Bis sie in Rente gegangen ist, hat sie gleichzeitig für den Böhme-Briefdienst gearbeitet. Damit ist mittlerweile Schluss. Die WZ, die sie normalerweise mit dem Rad verteilt, ist geblieben. “Ab und zu fragen mich Leute aus Essel, wie lange ich das noch machen möchte. Ich sag immer, so lange es gesundheitlich geht, mache ich weiter.” 1953 ist sie geboren, in Essel aufgewachsen, später hat sie dort zusammen mit ihrem Mann Willi ein Haus gekauft.

Donnerstags dauert alles länger

Der Schnee unter unseren Schuhen knirscht. Während ich unter meinen drei Hosen zu schwitzen beginne, hat Fricke die bessere Kleidungswahl getroffen. “Ja, man ist ja doch gut in Bewegung.” Mehr als sechs Kilometer legt sie täglich zurück. Wenn sie nur die WZ austrägt, braucht sie dafür rund zwei Stunden. Donnerstags muss sie an fast allen Häusern einen Stop einlegen, dann dauert es deutlich länger. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, unterbricht sie zwischendurch, um zu einem Haus zu gehen und eine Zeitung abzulegen. Sie deutet auf ein Anwesen auf der linken Seite. “Dort wohnt eine ältere Dame, ihr lege ich die Zeitung immer direkt vor die Tür, dann muss sie nicht ganz zum Briefkasten.” Man kennt sich eben in Essel. Für Margret Fricke ist es selbstverständlich, der Frau den Gefallen zu tun.

Bewegungsmelder sind goldwert

Schweigend ziehen wir durch die nächsten Straßen, teilen uns die Arbeit. Eine geht die Treppe zum Mehrfamilienhaus hoch, die andere durch das Gartentor zum Türschlitz. Während die Austrägerin genau weiß, wo sich welcher Briefkasten versteckt, dauert es bei mir oft einen Moment länger. Wenn nicht gleich der Bewegungsmelder angeht, muss ich erst meine Taschenlampe hervorkramen. Manchmal stelle ich dann fest, dass ich bereits am Kasten vorbeigelaufen bin.

Durch den Schnee kämpfen

“Mittlerweile geht es”, sagt Fricke, als ich frage, wie es ist, bei der Witterung zu arbeiten. “Sonnabend und Montag, als es unaufhörlich schneite, da war es schlimm.” Auch viele Höfe und Einfahrten waren noch nicht geräumt. Die erprobte Zeitungsfrau musste sich ihren Weg durch Schnee, Eis und Windböen kämpfen, um dann teilweise erst einmal die Röhren vom Schnee freizulegen.

“Eigentlich muss ich noch eine WZ zu einer Frau ins Gewerbegebiet bringen.” Doch das seien noch mal zwei Kilometer, mit dem Schlitten ist das zu weit. Fricke habe also mit dem Vertrieb gesprochen und so wurde vereinbart, dass die Kundin vorübergehend online die Zeitung liest.

Weiter nach Texas

Wir durchqueren das Neubaugebiet. Während die einen bereits beleuchtete Klingelschilder angebracht haben, liegt der Briefkasten bei anderen noch vor der Tür auf dem Boden. Fricke deutet mit dem ausgestreckten Arm nach rechts. “Jetzt gehen wir am besten gleich nach Texas.” Auf meinen etwas verwirrten Blick, erklärt sie, dass damit die wenigen Häuser gemeint sind, die etwas abseits an der Landesstraße 190 stehen. Warum das Areal so genannt wird, weiß selbst die gebürtige Esselerin nicht. Der Weg dahin ist geräumt, eigentlich ja eine schöne Sache, allerdings nicht für unsere Schlitten.

Als wir zurückkehren ins Dorf, ist es kurz vor 5 Uhr. Vor einem Haus treffe ich einen jungen Mann, der gerade die Mülltonne zur Straße zieht. Nur wenige Meter weiter kommt uns ein Mann mit Hund entgegen. “Guck mal, ich habe heute Unterstützung”, ruft Fricke ihm zu. Der Mann lacht, grüßt auch mich und spaziert weiter. Fricke wartet, bis ich sie eingeholt habe. “Von dem Mann habe ich die Warnweste bekommen”, raunt sie mir zu. Es ist nicht irgendeine Warnweste, sondern so etwas wie der Sportwagen unter den Warnwesten. Sie hat rote Streifen, die in regelmäßigen Abständen blinken.

Die Haare sind zu Eiskunstwerken geworden

Mittlerweile ist mir nicht nur unter meinen Kleidungsschichten warm, auch meine Wangen fühlen sich heiß an. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich mir das nur einbilde. Als ich mit einem Finger gegen meine Haarsträhnen komme, stutze ich. Sie sind hart und kalt, besser gesagt: eingefroren. Durch meinen Atem sind mein Schal und meine Haare also eine Art Symbiose eingegangen. Auch hier muss ich neidisch feststellen, dass Margret Fricke einfach besser vorbereitet ist. Bei ihr friert nur das Fell an ihrer Jacke.

Auch müde wirkt sie immer noch nicht. Das, obwohl sie erst um 22 Uhr schlafen geht. Bevor sie morgens ihre Runde startet, trinkt sie nur schnell eine Tasse Kaffee. Erst wenn sie mit allem fertig ist, und auch die anderen Esseler ihre Zeitungen reinholen, frühstückt sie und liest die WZ. Am Sonntag, ihrem freien Tag, schläft Fricke übrigens bis 7 Uhr. Dann klingelt der Wecker. “Länger will ich wirklich nicht schlafen.”

Ohne Zusteller keine Printzeitung am Morgen

Als ich anmerke, dass ich ihren Job auf Dauer nicht leisten könnte, winkt die Zustellerin nur ab. “Das ist alles Gewöhnungssache.” Ich bin mir da nicht so sicher und bedanke mich bei ihr für ihre nächtlichen Mühen. Ohne sie und die anderen Austrägerinnen und Austräger in den Orten würde es die Morgenlektüre in der Printversion nicht geben. Fricke ist bescheiden, sie bedankt sich lieber dafür, dass ich ihr an diesem Donnerstag geholfen habe.

Nach mehr als zwei Stunden steige ich in mein Auto, das Thermometer zeigt -12 Grad. Es ist noch immer dunkel. Als ich am Auto das Licht einschalte, glitzert der Schnee im Schein. Die meisten Zeitungen stecken noch in ihren Röhren. Ich fahre zurück in die Redaktion, zu meinem Job mit privilegierten Arbeitszeiten und beheiztem Büro. In Gedanken bin ich aber noch bei Margret Fricke, die gerade die letzten Ausgaben in Essel verteilt, bevor sie sich wieder aufwärmen kann.

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