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Teil 1 der neuen WZ-Serie über den Unternehmer:: Von Greifswald nach Schneverdingen

Vor 50 Jahren muss das Bauunternehmen Borchardt in Benefeld schließen

Erste unternehmerische Schritte in der DDR: Erich Borchardt als Leiter des Betonwerks in Greifswald, 1955.Fotos: Sammlung Borchardt
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Erste unternehmerische Schritte in der DDR: Erich Borchardt als Leiter des Betonwerks in Greifswald, 1955.Fotos: Sammlung Borchardt
BENEFELD - 11. Mai 2021 - 05:00 UHR - VON REDAKTION

In Benefeld gab es längere Zeit ein großes Bauunternehmen, das nicht nur den regionalen Markt über zehn Jahre dominierte, sondern auch überregional größeren Erfolg hatte. Das lag vor allem an seinem Gründer Erich Borchardt, der bemerkenswert geschäftstüchtig und couragiert war. Jedoch vor 50 Jahren kam das plötzliche Ende des Erfolgsunternehmens, was für den Eigentümer und viele Zeitgenossen unverständlich blieb.

Erich Borchardt wurde im Dezember 1926 in der kleinen Landgemeinde Wolfhorst in Pommern, nordöstlich von Stettin geboren. Seine Eltern Ernst (1888-1971) und Anna Borchardt (1899-1981) bewirtschafteten dort einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb. Noch bevor er sich weitergehende Gedanken über seine Zukunft machen konnte, wurde er mit 17 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen. Als Offiziersanwärter bekam er mit seiner Kompanie im September 1944 den Befehl, “in einem Sondereinsatz den Volksaufstand in Warschau” niederzuschlagen. Als die Soldaten eintrafen, brannte die Stadt bereits ,und sie gerieten in vernichtende Gefechte, aus denen nur sehr wenige Männer seiner Einheit lebend zurückkehrten.

Kriegserlebnisse beeinflussen ihn ein Leben lang

Gegen Ende des Krieges musste Erich Borchardt noch in der “Führer-Reserve” bei der Verteidigung von Berlin mitkämpfen. Kurz vor Kriegsende geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde nach Sibirien gebracht, wo er als Maurer und Bergarbeiter zum Einsatz kam. Beim Einsturz eines Stollens trug er schwerste Verletzungen davon, die ihn zum Invaliden machten. Diese Kriegserlebnisse wirkten zeitlebens bei ihm nach und beeinflussten viele seiner Entscheidungen.

Nach dem Krieg verschlug es die Familie Borchardt nach Gützkow bei Greifswald, wohin auch Erich Borchardt nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft 1949 geschickt wurde. Viele Heimkehrer waren durch die Jahre in der Gefangenschaft gebrochen. Das galt nicht für Erich Borchardt, der nun endlich sein Leben in die Hand nehmen wollte. Er strebte ein Ingenieurstudium an, doch fehlte ihm dafür der entsprechende Schulabschluss. Deshalb besuchte er zunächst die sogenannte Arbeiter- und Bauernfakultät in Greifswald, eine Vorstudienanstalt zur Erlangung der Hochschulreife. In dieser Zeit lernte er die knapp sechs Jahre jüngere Anneliese Bergmann (1932-1981) kennen, die er bereits Ende November 1952 in Strassburg bei Pasewalk heiratete und rasch mit ihr eine Familie gründete.

Nach erfolgreichem Abschluss an der Fakultät wechselte Erich Borchardt an die Universität Greifswald und nahm sein Ingenieurstudium auf. Nach einiger Zeit kam der Student in eine Forschungsgruppe für Materialentwicklung, in der er ein konkretes Forschungsprojekt bearbeiten durfte, dessen Ergebnisse später als Leistung zur Erlangung des Doktortitels anerkannt wurden. Er besuchte noch das Technikum in Neu-Strelitz und die Ingenieursschule in Blankenburg im Harz. Die Absolventen des Ingenieurstudiums hatten dann noch die Möglichkeit, einen Abschluss in Architektur in verkürzter Zeit an der Universität Dresden zu erlangen, wovon Erich Borchardt gerne Gebrauch machte.

Ernüchterung trotz vieler Privilegien

Nach dem Studium bekam der ehrgeizige Ingenieur sogleich eine verantwortungsvolle Stelle als Betriebsleiter im volkseigenen Betonwerk Greifswald. Seine Aufgabe bestand darin, die Planung für den Auf- und Ausbau des Werkes voranzutreiben und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen. Er machte aus der Anlage einen Vorzeigebetrieb der DDR, der “sieben Quartale hintereinander als Wettbewerbssieger im Wettbewerb der Baustoffindustrie ausgezeichnet” wurde.

Die regionalen SED-Vertreter sonnten sich natürlich in dem Erfolg ihres Betriebes, den sie Erich Borchardt verdankten und weshalb sie ihn geradezu hofierten. Deshalb wurden ihm auch eine Reihe von Privilegien zugestanden, so ein eigenes Haus, ein Auto und sogenannte Intelligenzlerverträge, die seinen Kindern das Anrecht auf ein Studium in der DDR einräumten.

Keine Zukunft als freier Unternehmer und als fünfköpfige Familie in der DDR

Doch schon bald machte sich eine gewisse Ernüchterung breit. Durch den immer wieder auftretende Mangel bei der Materialversorgung war eine dynamische Entwicklung des Betonwerkes, wie er sie anstrebte, kaum vorstellbar. Darüber hinaus mischte sich die Partei ständig in seine Arbeit ein, was seiner selbstständigen Arbeitsauffassung sehr widersprach. Letztlich erkannte er, dass sein Wunsch, als freier Unternehmer zu arbeiten, in diesem Land niemals zu verwirklichen war.

Auch für seine mittlerweile fünfköpfige Familie sah er in der DDR keine Zukunft mehr. So entschied er im Oktober 1956, in den Westen überzusiedeln. Doch wollte er mit seiner Frau zunächst schauen, wo sie für die Familie eine neue Existenz aufbauen konnten. Deshalb ließ das Paar die drei Kinder vorerst bei den Großeltern. Zunächst kam das Paar mittellos nach Ahrensburg bei Hamburg, wo Erich Borchardt als Maurer Arbeit fand. Die Kontakte zu seinem Halbbruder in Schneverdingen veranlassten die Eheleute schon bald, dorthin zu ziehen. Auch hier konnte er wieder als Maurer arbeiten, wurde rasch Polier und schließlich Bauleiter.

Doch er strebte schon zu diesem Zeitpunkt weit mehr an. Er wollte sich eine selbstständige Existenz schaffen, die seiner Ausbildung und seiner praktischen Erfahrung entsprach. Jede freie Minute nutzte er, um mit seiner Frau sehr schnell ein Einfamilienhaus zu errichten. Nach Fertigstellung des Eigenheims brachten die Großeltern die Kinder mit dem Flugzeug über Berlin nach Hannover und schließlich nach Schneverdingen, wo die Familie 1958 wieder zusammenfand.

Thorsten Neubert-Preine

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