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Mit der Absage für die WZ-Podiumsdiskussion und dem anschließenden offenen Brief wird deutlich: Die Initiatoren haben längst die Sachebene verlassen

Maximale Eskalation

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WALSRODE - 01. April 2021 - 12:30 UHR - VON JENS REINBOLD

Redakteure wägen gut ab, über welches Stöckchen sie springen wollen - und über welches nicht. Wenn etwa ein Frontalangriff auf die Zeitung und den Redaktionsleiter in Form eines offenen Briefes breit im Landkreis und weit darüber hinaus verteilt wird, erfolgt die Abwägung in etwa nach folgenden Parametern: Sollen die Verfasser auch noch in der Zeitung eine Bühne erhalten für ihre Unwahrheiten und haltlosen Beschuldigungen? Oder wäre nicht das Ignorieren des Pamphlets der geeignetere Umgang?

Aber am Ende geht es bei der Abwägung nicht um Scharmützelchen oder Privatfehden, sondern schlicht um die Betrachtung, inwieweit ein derartiger “offener Brief” mit dem eigentlichen Thema zusammenhängt. Oder anders formuliert: Inwieweit spielt ein solches Pamphlet in der Gesamtbetrachtung eine Rolle?

Ja, es geht um das Bürgerbegehren zum Neubau des Heidekreis-Klinikums. Und dieses Thema, nämlich die Gesundheitsversorgung des Heidekreises, ist in der Tat zu wichtig, um Unwahrheiten und infamen Unterstellungen nicht zu entgegnen. Vor allem dann, wenn sie nach und nach ein Gesamtbild über diejenigen zeichnen, die das Bürgerbegehren initiiert haben.

Inhaltlich ist zu diesem Thema im Prinzip alles geschrieben, die Argumente liegen seit Wochen auf dem Tisch. Da gibt es die eine Seite, die den Neubau gerne an absolut zentraler Stelle errichtet haben möchte, die fürchtet, der Norden eines, unseres Landkreises könnte wegen der sieben Kilometer “Zentralitätsverschiebung” in Richtung Bad Fallingbostel abgehängt werden. Das ist vom Grunde her und auf den ersten Blick womöglich nachvollziehbar, auch wenn Gutachten und Machbarkeiten dem entgegenstehen.

Doch längst haben die Initiatoren den Pfad ihres womöglich gut gemeinten Ansinnens verlassen, das Argumentieren aufgegeben - und der geneigte Beobachter fragt sich: An welchem Punkt genau ist aus Menschen, die das legitime Mittel eines Bürgerbegehrens in Anspruch nehmen, eigentlich eine Gruppe verbrämter und wild um sich schlagender “Brandstifter” geworden, die nicht mit ihrem Ansinnen an sich, wohl aber mit der Art, dafür Mehrheiten gewinnen zu wollen, einen tiefen, tiefen Graben in den Heidekreis pflügen?

Mittlerweile geht es in den zahlreichen Pressemitteilungen der Initiative längst nicht mehr um Zentralität oder Erreichbarkeiten, davon ist kaum noch eine Silbe zu finden. Dafür haben sie mittlerweile allerhand Nebenkriegsschauplätze eröffnet. Der Furor hatte zunächst Politiker erreicht, nämlich die aus dem Süden, die nicht nur den Nordkreis über den Tisch ziehen wollen, sondern gar ein Komplott geschmiedet haben, so der Vorwurf. Weiter in der Reihe: Die anerkannten Gutachter liefern geheime Gefälligkeitsexpertisen, hieß es - und in der Verschwörungstheorie war noch längst kein Ende in Sicht. Landrat Manfred Ostermann nämlich bediene sich womöglich unlauter in der Landkreiskasse, um für den Neubau in Bad Fallingbostel zu werben. Sogar die Polizei sei für “Goliath” und gegen “David” (so heißt es in einer Pressemitteilung) unterwegs und kontrolliert über Gebühr den Infostand der Bürgerbegehren-Mitstreiter.

Nicht einen einzigen Beweis haben die Initiatoren für all ihre Anwürfe geliefert, aber eines ist sicher: Ein bisschen Dreck bleibt auch so bei den Adressaten hängen. Sagen wir, wie es ist: Das ist Populismus.

Mittlerweile - man muss es so hart formulieren - lügen die Initiatoren, dass sich die Balken biegen: Früher habe allein der Standort Soltau mehr als 1000 Geburten verzeichnet, haben sie behauptet. Längst als Lüge enttarnt. Früher habe der Standort Soltau die Verluste von Walsrode ausgeglichen, wiederholte vor allem Dr. Wolfram Franz mantraartig. Als Lüge einkassiert, genau das Gegenteil war der Fall.

Und nun ist auch die Walsroder Zeitung in den Fokus von “David” gerückt. In dieser Woche haben wir dargelegt, wie die vier Initiatoren des Bürgerbegehrens öffentlich mit Lügen arbeiten, um unsere Integrität zu beschädigen. Das Verstörende: Anhand der objektiven und für die Initiatoren klar wahrnehmbaren Faktenlage hätten sie wissen müssen, dass sich die Begebenheiten nicht so abgespielt haben, wie sie sie zu schildern versuchen. Ihnen musste klar sein, dass schon wenige Verweise in den E-Mail-Verkehr der vergangenen Wochen ausreichen, um sie ohne großen Aufwand mehrmals der Lüge zu überführen. Dafür kann es eigentlich nur eine Erklärung geben: Sie setzen im “Wahlkampf” offenbar ganz bewusst auf das Stilmittel der maximalen Eskalation. Es ist eine Taktik, mit der Populisten wie Trump schon ganze Länder entzweit, aber eben auch Wahlen gewonnen haben.

Und noch eine Parallele zu Populisten fällt ins Auge: Die Bürgerbegehren-Initiatoren inszenieren sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Opfer, als Unterdrückte, die nun aber aufbegehren - nicht nur für sich, sondern gleich für all jene mit, die ja schon lange im Heidekreis unterdrückt werden. “Liebe Mitbürger/innen! Fallt nicht auf solche Politiker herein, die euch nur brauchen, wenn sie gewählt werden wollen, wehrt euch endlich gegen eure Entmündigung, lasst euch nicht schon wieder über den Tisch ziehen!” Diese Sätze entstammen einer Pressemitteilung des Bürgerbegehrens, diese Sätze sind Populismus in Reinform.

Aus welchem Grund sie nun tatsächlich die Einladung der WZ zu einer Podiumsdiskussion ausgeschlagen haben, bleibt ein Rätsel. Sie hätten dort auch endlich im Südkreis ihre Argumente präsentieren, ihrem Anliegen Aufmerksamkeit verleihen können. Oder glaubt irgendjemand tatsächlich ernsthaft, die Walsroder Zeitung, die in den vergangenen 15 Jahren Dutzende Podiumsveranstaltungen fair und sachlich präsentiert hat, wäre so töricht, die Initiatoren öffentlich in die Pfanne zu hauen? Das verbietet die Professionalität, das würde zudem der Wichtigkeit des Themas zuwiderlaufen.

Das Traurige ist: Wie auch immer am 18. April das Bürgerbegehren ausgeht: Es gibt schon jetzt mehr Verlierer als Gewinner: Nicht nur der Heidekreis scheint auf Jahre entzweit, auch die vier Initiatoren des Bürgerentscheids können schon nicht mehr gewinnen. Gemeint ist nicht die Abstimmung, sondern ihr persönliches Ansehen: Ihr guter Ruf ist mittlerweile mindestens stark ramponiert.

Und Schuld daran hat kein Landrat, kein Gutachter und auch keine Zeitung - sondern haben ganz allein sie selbst.

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