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Nach Messerattacke in Walsroder Obdachlosenunterkunft wird Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet

Von hinten zugestochen

Symbolbild: milankubicka - stock.adobe.com
Symbolbild: milankubicka - stock.adobe.com
WALSRODE - 18. Juni 2021 - 22:00 UHR - VON REDAKTION

“Nicht weit vom Tötungsdelikt entfernt”: Das war zur Überzeugung von Staatsanwältin Pia Geisler die Tat, die ein 21-Jähriger am 6. November 2020 in einer Walsroder Obdachlosenunterkunft begangen hat. Mit einem Messer hatte der gebürtige Soltauer einem damals 51-Jährigen in den Rücken gestochen. In einem Sicherungsverfahren am Landgericht Verden wurde die Unterbringung des geständigen Mannes in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.

Die Polizei war an jenem Morgen zunächst wegen einer Ruhestörung in der Unterkunft. Keine halbe Stunde nachdem die Beamten wieder gefahren waren, eskalierte es. Der Beschuldigte hatte sich aus der Küche ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge geholt und bei einer Begegnung mit dem Opfer im Flur von hinten zugestochen. Das Messer war im Bereich von Schulterblatt und Wirbelsäule rund zehn Zentimeter tief ein in den Rücken eingedrungen.

Erfüllt war der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung

“Ich habe zugestochen, weil ich meine Ruhe haben wollte”, zitierte die Staatsanwältin den Beschuldigten in ihrem Plädoyer. In diesem Moment sei ihm “egal” gewesen, dass der Geschädigte sterben könnte. “Das Opfer rechnete im Moment des Zustechens sicher nicht mit einem Angriff”, hieß es in der Urteilsbegründung der 2. Großen Strafkammer. “Sie waren sich bewusst, dass das zum Tode führen kann und lebensgefährlich ist”, wandte sich der Vorsitzende Richter Dr. Andreas Ortmann an den Beschuldigten. “Unproblematisch” hätte dieser weiter zustechen können. Dass er es nicht tat, wurde als strafbefreiender Rücktritt vom Versuch gewertet. Erfüllt war der Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung.

Das Opfer hatte selbst den Notruf gewählt. Der Beschuldigte ebenfalls. Danach hatte der 21-Jährige die Unterkunft verlassen und sich fünf Stunden später der Polizei gestellt. Das Messer mit dem Blut des Opfers hatte er in seinem Zimmer zurückgelassen. Es lag zwischen Matratze und Lattenrost.

Psychose soll Folge des Drogenkonsums sein

Dass der psychisch kranke Mann steuerungsunfähig war und somit schuldlos gehandelt hat, darin waren sich Staatsanwältin und Kammer einig. Der Beschuldigte war zum Tatzeitpunkt “akut psychotisch”, hatte zuvor ein psychiatrischer Sachverständiger festgestellt. “Überhaupt keinen Zweifel”, hatte der Mediziner, “dass das der Auslöser gewesen ist”.

Diagnostiziert wurde eine “paranoid halluzinatorische Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis”, eine Abhängigkeit von Cannabis und ein schädlicher Gebrauch von LSD und Ecstasy. Die Psychose soll Folge des Drogenkonsums sein.

Der Expertenmeinung folgend wurde die Unterbringung angeordnet. Der Verteidiger hatte dagegen auf eine Bewährungsstrafe mit der Behandlung als Bewährungsauflage gefordert. Sollte das Urteil rechtskräftig werden und die Unterbringung erfolgen, wird diese nach Einschätzung des Sachverständigen vier bis sechs Jahre im psychiatrischen Krankenhaus bedeuten. Wenn der Beschuldigte die Behandlung mit Medikamenten nicht abgebrochen hätte, “wäre es nicht so weit gekommen”, merkte der Sachverständige an. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

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